Familie ist der Sieg der Gene über Sympathie

Familie ist der Sieg der Gene über Sympathie raunt es durch meinen Kopf, eine alte Weisheit eines noch älteren Freundes, Geschichtsprofessor und Menschenhasser, keiner weiß es also besser. Ich wappne mich in der einstündigen Zugfahrt gen Heimat. Dort freut man sich auf meinen seltenen Besuch, da köchelt das Essen zum Fest der Familienzusammenführung, da wählt man mit 33% die Nazi-Partei AfD.

Es sei kein Rassismus, wird in allen Medien versichert. Nirgends ein Nazi, keine NPD-Wahlerfolge bislang… Und dann kamen die verlotterten Araber übers Meer. Soldaten zogen aus der nahen Bundeswehrkaserne, und 700 dunkelhäutige Fremde zogen ein, beinah so viele wie es Dorfbewohner gibt, allesamt keine Rassisten, Gott sei Dank.

Aus der wohlgemeinten Übergangsstation wurde ein überbelegtes Flüchtlingsheim, wie immer kopflos in der Landeshauptstadt entschieden ohne Einbeziehung der Kommune. Hier wagt sich keine der bisherigen Reinigungskräfte mehr rein, deren Berichte pendeln zwischen „Die hausen wie die Schweine!“ und „Die leben wie die Maden im Speck!“, je nachdem, welche populistische Kerbe gerade mehr Aufmerksamkeit produziert. Mitnichten ist dies rassistisch, das kann hier wirklich keiner behaupten.

Bislang gab es nur drei „Ausländer“ im Ort, die keine Schwierigkeiten machten. Schwierigkeiten machen die Neuankömmlinge auch nicht – die von der AfD geschürte Angst vor Scharia und Minaretten ist also weiterhin unbegründet, dafür aber echt. Die Dorfschule wurde eben geschlossen, Bankautomaten gibt’s nicht mehr, der Handel zieht ab, junge Familien: Fehlanzeige. Dafür 700 neue Konsumenten im Dorf und mediale Aufmerksamkeit über tatkräftige Unterstützer, doch so denkt man hier nicht. Meine anämische Heimat ist bankrott, sie erliegt nach 850 Jahren Geschichte. Unbedacht wird man künftig an diesem sterbenden Tier vorbeifahren, ohne Halt machen zu müssen. Mit letztem Zucken werden noch schnell die Aasgeier mit 33 Prozent gewählt. Meine alten Nachbarn haben ihre Gründe, Rassismus ist selbstredend keiner davon.

So erzählt man mir bei Kaffee und Kuchen nach meiner Rückkehr: Dass mein Vater mit syrischen Jungs deren Möbel zusammenbastelt und hinterher am Stammtisch vorwurfsvoll angeschwiegen wird. Dass meine bislang politisch desinteressierte Schwester gespendete Elektrogeräte aus ihrem Auto hievte, und meine dicke Tante sich laut fragte: „Suchst einen neuen Mann?“ In diesem Teil Deutschlands brüsten sich gute Menschen nicht mit guten Taten, keiner mag aufgeschlitzte Autoreifen am Morgen, schon wieder. Ich selber werde als Ehrengast in Ruhe gelassen, ich wäre „schon immer so international eingestellt“ gewesen, da lohnt sich das Gezeter eh nicht, ich sei als freiwilliger Neuköllner eben unbelehrbar.

Ich ignoriere all das, wie man das eben so macht bei Menschen, mit denen man die Gene teilt. Ich kuschle mich an Oma und sage, dass ich Opa vermisse, der immer so traurig, aber nie ohne Stolz von seiner Flucht vor Krieg und Verwüstung erzählte. Ein totenbleicher Teenager vor 70 Jahren, kein Wort Deutsch, gottverlassen und runtergehungert, unser Stammvater.

Stumm wird in der Stube der Filterkaffee umgerührt, ungerührt.


Text: Buffalo Meus
Bild: Kyle Meck

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