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Dies sind eure Definitionen, nicht meine

Eine frühere Fassung dieses Textes wurde unter dem Titel „Wann ist ein Mann ein Mann“ am 11. April 2018 im Polit-Magazin Kater Demos gedruckt.

„Nicht gefallen zu müssen, anderen mal nicht das zu zeigen, was sie sehen wollen. Sondern die Leute aus ihrer Komfortzone jagen, ihr Weltbild hinterfragen, das Erwartete zurückhalten und überfordern“, grölt Sylvester Alone in die überfüllte Neuköllner Bar hinein. Er erntet tosenden, non-binären Applaus von Drags, Queers und Unterstützer*innen dieser Botschaft: Mehr Radikalität in den politischen Forderungen, sonst passiert auch nichts!

Trans*Personen sind auf Rückhalt und Solidarität angewiesen. Sie sind wenige, sie haben keine Lobby, nirgends. Was man ihnen zugestand – vor immerhin 37 Jahren – war das deutsche Transsexuellengesetz, das heute nur noch rudimentär anwendbar ist und von Bundesrat und Bundesverfassungsgericht bruchstückweise kassiert wurde: Noch vor zehn Jahren wurden Verheiratete nach ihrer Transition zur Scheidung gezwungen, und bis 2011 wurden Betroffene mit Namensänderungswunsch erpresst, sich erst einmal operieren zu lassen, bevor Verwaltungsfachangestellte überhaupt darüber nachdenken, den Stempel in die Hand zu nehmen. Dieses Gesetz „schützt“ bis heute Trans*Personen vor sich selbst, statt Selbstbestimmung zu sichern. Weiterhin erleben jährlich Tausende die schikanierenden Hürden, die keinem nützen, aber dem Großteil großen Schaden zufügen. Im November 2017 wurde noch einmal nachgelegt und ein „drittes Geschlecht“ im deutschen Geburtenregister gefordert, der Ethikrat empfahl sogar einen völligen Verzicht der Geschlechterangabe im Personenstandsregister. Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet erst seit 2018 Transsexualität wertfrei als „Geschlechter-Inkongruenz“ und befreit Trans* endlich von dem Stigma einer Krankheit.

Blickdiagnose für die Katz

Diskriminierung scheint bei der Personenstands- und Namensänderung unverzichtbar zum Selbstverständnis der politischen Mitte zu gehören. Auch die vorformulierte Zweigeschlechtlichkeit darf bis heute von keinen behördlichen Vordrucken verschwinden, und jede Aufforderung, sich mit der eigenen Identität auseinander setzen zu müssen, scheint der wenig gefestigten Mehrheit pure Angst einzujagen. Denn Diversität fordert Flexibilität.

Sylvester Alone hat diese Angst nicht, er ließ seine weibliche Identität hinter sich und trägt im Alltag den Namen Jan. „Noch vor drei Jahren war ich eine unscheinbare Studentin in Sachsen-Anhalt, die bewusst kurze Schritte tapste und von der Mutter ermahnt wurde, gerade zu sitzen. Dann der lange Blick in den Spiegel, das innere Coming Out vor mir selbst, schließlich vor meinem Partner, und nun bin ich Trans*Aktivist in Berlin. Sowas kann passieren, wenn man sich in Frage stellt. Aber erst, seit ich als Fremdling wahrgenommen werde, fühle ich mich nicht mehr wie einer.“

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Die Blickdiagnose ist bei Jan für die Katz, wechselndes Make-up und Unisex-Kleidung machen eine Geschlechterzuteilung unmöglich. Jan hilft seiner Umwelt nicht, ihn geschlechtlich zu kategorisieren, und das hat seinen Grund.  Fragen wie: Wann ist ein Mann ein Mann? „Nehmen wir an, du bekommst ein Kind mit Penis. Nun behaupte ich, dass die Hebamme nach der Geburt nicht sicher gestellt hat, ob das geschlechtsdefinierende XY-Chromosom vielleicht fehlt. Ob vielleicht Eierstöcke statt Hoden angelegt sind, oder ob das Baby androgen-resistent ist, also sein Testosteron gar nicht verarbeitet werden kann, und in der Pubertät die Brüste beginnen zu wachsen. Ich stelle das Geschlecht des Kindes im blauen Strampler genetisch, organisch und hormonell in Frage – denn laut Statistik ist Intersexualität bei einem von 400 Kindern der Fall.“ Die Wissenschaft schreitet voran, Identitäten wandern, und die binäre Welt bröckelt. Da hilft es auch nicht, dass Präsident Trump der US-Gesundheitsbehörde verbietet, das Wort „Transgender“ im Haushaltsplan 2018 zu erwähnen: Trans* ist ein Fakt, der sich nicht ändern lässt. Geändert werden kann nur der Rahmen für Kinder, ihre Familie und ihr Umfeld.

Trans* als politisches Handlungsfeld begreifen

Wie beschwerlich deren Leben in Deutschland aussehen wird, liegt vorwiegend noch immer an der deutschen Regierung. In der Union will man von dem Thema vorher noch nie gehört haben und legte nun zähneknirschend ihren überfälligen Gesetzesentwurf zum dritten, „diversen“ Geschlecht nach. Doch das ändert nichts am behördlichen Spießrutenlauf, den Jan bewusst meidet: „Niemand weiß, wieviel Prozent der Bevölkerung sich als Trans* identifiziert. Denn wer keine Vornamens- und Personenstandsänderung beantragt, wird statistisch gar nicht erst erfasst. Ich kenne Trans*Personen, die völlig auf Umgestaltung verzichten, andere wählen die Mastektomie, nehmen andersgeschlechtliche Hormone oder lassen sich komplett operieren, doch nur Wenige beugen sich diesem psycho-pathologisierenden Begutachtungszwang.“

Diese Unsichtbarkeit, diesen blinden Fleck in der Wähleranalyse, begreift Jan auch als Chance: „Die Notwendigkeit, den Trans*Komplex endlich als politisches Handlungsfeld zu begreifen, schafft Bewegung bei den Grünen, den Linken, den Liberalen und langsam auch bei den Sozialdemokraten.“ Doch nicht eine dieser Parteien würde derzeit die geschlechtliche Selbstbestimmung zur Koalitionsbedingung machen, wie jüngst die gleichgeschlechtliche Ehe. „Trans*Rechte halten der Kosten-Nutzen-Analyse keiner Partei stand. Am Ende gilt – bei den vermeintlich explodierenden Kosten – eine Beibehaltung des Status Quo eh als alternativlos.“ Dass nach Grünen-Berechnungen neue Trans*Regelungen den Staat, dem Bürger und der Wirtschaft exakt 0 Cent kosten würden, und Krankenkassen wie Gerichte in großem Maße entlastet würden, stieß bei der Union erwartungsgemäß auf taube Ohren. „Der Bundesrat und das Bundesverfassungsgericht haben die Regierung wie oft schon gerügt? Merkel kann machen, wie es ihr beliebt.“ Solang Trans* als Krankheit gilt, verlangt das alte Gesetz weiterhin entwürdigende, kostspielige Gutachten – erst, wenn sich dies ändert, würde der Gang zum Standesamt genügen.

So ein nüchtern-unkomplizierter Verwaltungsakt war die Personenstandsänderung einer mexikanischen Sechsjährigen, und auch in Norwegen und Luxemburg ist es bereits Kindern überlassen, ihr Geschlecht zu bestimmen. Deutschland hingegen fällt im internationalen Vergleich eher durch das jahrzehntelang angesammelte Paragraphengestrüpp auf – aber immerhin lässt es sich hier friedlich und privilegiert leben. Jan baut auf einen Dominoeffekt: „Im letzten Jahrzehnt wuchs das Bewusstsein für Trans* ja erst langsam. Leitmedien und TV-Dokumentationen transportieren das Thema in die Wohnzimmer, Schulen bieten Queer-AGs an, und so baut sich nach und nach Solidarität auf. Die kleine Trans*Community bewegt sich, eckt an, behauptet sich und gewinnt international Beachtung dank sozialer Netzwerke. Es braucht Zeit, aber es wird der Moment kommen, da die zweigeschlechtliche Welt ihre selbstgesteckten Grenzen überwinden wird, in der endlich nicht mehr Transsexualität, sondern Transphobie als psychische Krankheit gelten wird.“

Jan

Portrait-Aufnahmen von Jan: Piotr Pietrus


Das Märchen vom Penis

Eine frühere Fassung dieses Textes wurde unter dem Titel „Wann ist ein Mann ein Mann“ am 11. April 2018 im Polit-Magazin Kater Demos gedruckt.

„Gefühlt jede zweite Lesbe in meinem Freundeskreis steckte plötzlich im Stimmbruch und ließ sich einen Bart wachsen“, erinnert sich Nic an die Zeit, in der er verständnislos zusah, wie eine stolze Butch nach der nächsten mit der Transition begann. Es waren sieben aufregende Jahre, in denen er mit den Kingz of Berlin auf der Bühne mit angespanntem Po in die Luft bumste und den Schweiß in die rasende Meute spritzte – doch bei Geschlechtsangleichung hörte es bei ihm auf. Weshalb sich das zuvor verurteilte Gender-Privileg des Mannes aneignen und in heterosexuelle Beziehungsmuster fallen? Ihm als trans*identem Queer genügte es, genderfluid zu sein und sich nicht selbst mit Etiketten der zweigeschlechtlichen Welt festzulegen, sondern seinen eigenen Weg zu gehen. Dachte er.

„Ich war Anfang Vierzig, hatte Haus, Frau, Katzen und einen super Job. Ich war angekommen.“ Bis ein Tumor von einemTag zum nächsten Nics Leben auf den Kopf und alles in Frage stellte, nicht zuletzt die eigene Zukunft mit all ihren Möglichkeiten. Psychosomatische Folgeerscheinungen blieben nicht aus, der Körper zwang ihm immer wieder existentielle Fragen auf. „Ich musste alles, was ich gedacht und gelebt hatte, bewusst loslassen. Die Furcht vor der Transition wurde schließlich kleiner als die Angst, weiterzuleben wie bisher. Wenn ich damals gewusst hätte, wie ich mich heute fühle, hätte ich es schon vor Jahrzehnten getan.“

Penoid-Aufbau ausgeschlossen

Doch vor Jahrzehnten lebte er in einem Frauenkörper. Als Vierjährige gab sich Nic den ersten männlichen Vornamen, mit 14 Jahren wurde mit krummem Buckel versucht, die großen Brüste zu verbergen, dann gründete er mit den Kingz of Berlin die erste Drag-King-Truppe Europas, und doch gab es die Sperre im Kopf, das Problem der empfundenen Körperdysphorie nicht zu verbalisieren, auch nicht vor sich selbst. Der Schock der Krankheit und die Angst vor Krebs ließen diese Scheuklappen fallen: Nic nahm seinen Mut zusammen und erkämpfte sich den Körper, den er ein Leben lang vermisst hatte. Ein erster, nicht verhandelbarer Schritt war die Mastektomie: „Ich wachte nach der Operation auf, blickte begeistert an meinem brustlosen Oberkörper hinunter und dachte: Na, der Bauch muss weg!“, grinst er.

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Nic (rechts) mit den Kingz of Berlin, dem Gender-Fuck-Phänomen zum Millennium (Bild: SIEGESSÄULE/Anja Weber)

Auch wenn er seinen Körper wie viele Trans*Männer als identitätsstiftend empfindet, stimmt Nic einem Penoid-Aufbau noch immer nicht zu: Zu häufig haben Patienten unter postoperativen Rückbildungen des Gewebes zu kämpfen, mit Nachblutungen und Wundheilungsstörungen. „Viele Trans*Personen leiden unter der körperlichen Abnormität. Und zwar nicht, weil sie trans* sind, sondern weil sie der Norm nicht entsprechen und ausgegrenzt werden. Ich bin davon überzeugt, dass es ohne diese Art von Diskriminierung deutlich weniger Menschen geben würde, die sich überhaupt unters Messer legen würden.“

Selbst im seltenen Fall einer unkomplizierten Operation sei die Penetration unbequem und enervierend, was einen eigenen Penis als ultimativen Männlichkeitspokal in Frage stellt. Günstige Angebote von Privatkliniken sind zudem selten, da die Nachfrage nicht groß genug ist. Nic überlegt, sich eine Epithese von der Krankenkasse erstatten zu lassen, mit der es möglich wäre, das Sexleben um neue Spielarten zu erweitern. „Natürlich hätte ich mit einem Fingerschnips gern einen Penis, aber der Weg dorthin ist 2018 noch zu steinig, um ihn aufzunehmen. Außerdem geschieht Sex im Kopf: Mit einer stimulierten Klitoris, einem haptisch-identen Penisersatz, manuellen Bewegungen und einem mechanisch erzeugten Erguss – aus Maisstärke und Wasser – ist ein ‚männlicher’ Orgasmus erlebbar. Eine spielerische Optik unterstützt die Fantasie, und Fantasie führt zum Orgasmus. Nicht nur für Penismenschen.“

Bestenfalls Bonus Hole Boy

Gewappnet mit einem neuen Körpergefühl und einer Portion Neugier stürzte Nic mit neuer Haut in die Szene. „Es herrscht eine unausgesprochene Übereinkunft unter Schwulen. Für die bin ich ein ‚Neuer’, werde schlimmstenfalls ignoriert, und werde bestenfalls als ein Bonus Hole Boy angeflirtet. In dieser Männerwelt, in der weibliche Befindlichkeiten keine Rolle spielen, ist Sex sehr präsent, und Trans*Männer gelten als weiteres Toy im Spielzeugparadies.“ Die schnell wirkenden Testosteron-Injektionen haben sukzessive Nics Identitätsspektrum geöffnet, aber eben auch sein sexuelles: „Du sitzt im Auto und wartest, dass die Ampel auf Grün schaltet, und plötzlich überfällt dich ein Hormonschwall und du läufst heiß.“ Das neu erblühte Körpergefühl können Trans*Männer in spezialisierten Tantra-Gruppen ausleben oder auch im Boiler: Berlins Schwulensauna stellt sich der neuen Sichtbarkeit von Trans*, schult ihr Personal und hat über keine negativen Reaktionen auf die neuen Fremden zu berichten. Nic und seine Trans*Kumpels schätzen diese Akzeptanz in der Szene, teils um als Beobachter den eigenen Voyeurismus zu bedienen, teils um sich in den Blicken Anderer ihrer Männlichkeit zu vergewissern.

Und Gelegenheiten dazu finden sich in den schwulen Hotspots Berlins genug: Montags geht’s ins Moritz, dienstags ins 3000, mittwochs trifft man sich im Prinzknecht, Donnerstag drängelt man in die Olfe, freitags bis sonntags vertritt man sich in diversen Clubs die Füße – und all das sind nur wenige von unzähligen Möglichkeiten für Gays. Dort, zwischen prallen Shirts und gespannten Reißverschlüssen, herrscht die Illusion einer Männlichkeit, die keinem Tageslicht standhalten würde. Und in diesem Fleischgewimmel fällt auch wenig auf, dass sich der mittelalte Nic im Stimmbruch befindet. Die Jahre als Herren-Imitator helfen ihm, im nächtlichen Gerumpel der Schwulen unauffällig mitzumachen. Drag-King-Ikone Diane Torr beschrieb Geschlecht als einen Akt, als Künstlichkeit, eine Travestie – und wer hat das besser drauf als Nic, der King of Berlin?

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Nic in seiner Rolle als Nic van Dyke, die nach seiner Transition wieder auflebte (Bild: MAXIM FASHION/Adrian Nakic)

Portrait-Aufnahme von Nic: Piotr Pietrus


Der Mann kann passieren

Eine frühere Fassung dieses Textes wurde unter dem Titel „Wann ist ein Mann ein Mann“ am 11. April 2018 im Polit-Magazin Kater Demos gedruckt.

Morgentoilette, ins Büro rasen, hinterher im Fitness-Studio schwitzen, anschließend zum Tinder-Date, um nachts geschafft ins Bett zu fallen. Solche Alltäglichkeiten werden von Männern mit Penis fundamental anders erlebt als von Männern mit Vagina. Es kann den Anderen gleich sein, ob der kernige Anzugträger in seinem Aktenkoffer ein Pack-n-Piss-Set trägt, um im Alltag originalgetreu zu urinieren. Und es sei auch der Fantasie überlassen, ob der attraktive Buchhändler des Vertrauens doppellagige Unterhosen mit eingelegtem Penisschatten trägt, oder sich tatsächlich freut, seine Stammkundin zu sehen.


„Wenn’s nach der AfD ginge, müsste ich noch Dirndl tragen“, mahnte der Graubart auf dem TfD-Plakat. Die Polit-Aktion, die es im sommerlich-seichten Bundestagswahlkampf 2017 von Berliner Straßenlaternen bis in die New York Times schaffte, präsentierte einen gut gereiften Mann in Lederhose, der sich vom Trachtenkleid befreit fühlte – und zu Hunderten kratzte man sich die Köpfe, da half auch nicht der Untertitel: #MyGenderMyChoice. Zu fremd war der Gedanke, dass das bärtige TfD-Gesicht einst als blondzöpfige Feministin durch die Lesbenszene fegte.

Der Triumph des „Passings“

Als Mann erkannt zu werden, ist ein hart erkämpfter Erfolg für Trans*Männer wie Marian. Von der Gesellschaft endlich das Geschlecht zugewiesen zu bekommen, das man selbst gewählt hat und erst seit Kurzem mit sich trägt, nennt man den Triumph des „Passings“, den viele Trans*Personen anstreben. Für diesen Moment, in dem man die fremd empfundene Haut nach Jahrzehnten endlich abgestreift bekommt, und seinen Körper zeigen kann, ohne Erklärungen abgeben zu müssen, wie Fußnoten zur eigenen Erscheinung – dieser Moment entzündet einen inneren Pride March.

Auch wenn zehntausende Trans*Männer in Deutschland von einem Freudenfest wie diesem teils tagelang zehren, sind es die stillen Momente, die diesen Weg prägen. Das jahrelange Fremdeln mit sich selbst, dass hier etwas nicht stimmen kann. Die Sorge im Gesicht der Mutter, ob die Tochter je glücklich sein kann. Die Angst des Vaters, das Kind würde nie im Arbeitsleben ankommen und eine Familie gründen. Die Kälte im Blick alter Freundinnen, die den Weg nicht mit einem gehen wollen. Das eigene Lächeln, das sich antrainiert wurde, um Stärke auszustrahlen – in der Hoffnung, diese Stärke möge irgendwann nach innen wirken und die Kraft geben, den letzten Schritt zu gehen: Sich fremd zu machen vom eigenen Körper, sich loszusagen, aufzubrechen ohne Aussicht auf Rückkehr, kein Tourist mehr zu sein, sondern Emigrant. Die eigene Welt aus den Angeln zu heben, und all das wieder und wieder, Jahr um Jahr, erst nur im Kopf durchzuspielen, bevor der erste Schritt getan wird.

Marian

Eine schöne, große Frau mit blonder Mähne und Hang zur Bühne, vom Publikum angeschmachtet und immer eine Liebe an der Hand. Ein lesbischer Traum, der insgeheim keiner war. „Ich kannte in den Neunzigern genau ein Trans*Paar, und das lebte zurückgezogen und ohne Freunde in meiner Nachbarschaft“, erinnert sich Marian. Die Perspektive war für ihn so abschreckend, dass ein Leben als Mann weiterhin eine Fantasie blieb, und Marians Angst vor Benachteiligung war berechtigt. Noch vor zwanzig Jahren schätzte der Bundestag über 60 Prozent der statistisch erfassten Trans*Personen als Leistungsempfänger ein – eine Situation, die die Abgeordneten auf die marginalisierte Form der Sexualität zurückführten, die im gesellschaftlichen Diskurs so fremd war wie den meinungsbildenden Medienhäusern.

Kingz of Berlin: Nicht Travestie, sondern Traum

Nein, Marian entschied sich gegen eine „Pflichttherapie“, er hatte auch keine Lust, sich jahrelang von Folgeschäden kurieren zu lassen. All der Kostenaufwand, die Jahre, die Opfer, und immer die Ungewissheit, ob die Krankenversicherung für den Aufwand und die langen Ausfallzeiten aufkommen würde – all das war zu riskant, um das schöne Leben inmitten der florierenden Lesbenszene Berlins aufzugeben, den beruflichen Aufstieg und den gefühlten Wohlstand. „Ich war nie ein Pionier, ich sah mich nicht für etwas kämpfen. Diesen Mut brachten andere auf.“

Es war das Millennium, das die Zeitenwende brachte. Über Nacht überstrahlte der rasend schöne Johnny Berlin die Szene der Hauptstadt, im Kino rührte die Trans*Tragödie „Boys Don’t Cry“ zu Tränen, und ein Haufen wild gewordener Herren-Imitatorinnen fielen über Deutschland her: Die Kingz of Berlin schlugen ein wie ein Gender-Blitz. Doch während die Medien fasziniert berichteten und reihenweise Frauen in Ohnmacht kippten, fand Marian an dem dechiffrierten Macho-Gehabe und der Boyband-Persiflage nichts witzig. „Es war, als stünde alles Kopf. Das war nicht nur Travestie, nicht nur angeklebte Bärte und abgebundene Brüste. Es waren die harten Blicke, die klaren Ansagen, die kraftvollen Stimmen, der Chauvinismus – all das, wovon wir Männer seit zwei Generationen entwöhnen wollten. Die Bühnenshow der Kingz war das Leben, das ich wollte. Ohne Boxen-Sound und Spotlight für eine Nacht, sondern jeden Tag.“

Vorurteile gegen die Verherrlichung des Patriarchats und Ausgrenzung abtrünniger Lesben machten es noch immer schwer, den Schritt in die Transition zu wagen, sich überhaupt ein reibungsloses Leben vorzustellen: Wer würde ihn dann noch lieben? Dies war eine wiederkehrende Frage, heraufbeschworen von der Angst, sich vor Anderen lächerlich zu machen, angezweifelt und herabgesetzt zu werden. Er brauchte seine Zeit, zwei Schritte vor und einen zurück, bis er die Tatsache akzeptierte, dass das eigene Glück erst nach chirurgischen und hormonellen Behandlungen warten würde. Marian würde nach dem sozialen Geschlecht auch das biologische Geschlecht wechseln und endlich aussehen, wie er sich ein Leben lang fühlte.

Portrait-Aufnahmen von Marian: Piotr Pietrus


Wir sind queer! Wir sind hier!

Maurus Knowles‘ Rede zum Tuntenspaziergang vorm Rathaus Neukölln am 26. Mai 2018.

Wir sind trans. Wir sind lesbisch. Wir sind schwul. Wir sind Tunten. Wir sind intersexuell. Vielleicht sind wir etwas, von dem du noch nie gehört hast, und das du nicht verstehst. Einige von uns sind sogar heterosexuell. Wir sind alles mögliche, aber wir folgen nicht jeder Norm! Und eines haben wir gemeinsam: Wir bitten NIEMANDEN um Erlaubnis, das zu sein, was wir sind!

Wir sind, was wir sind! Und wir sind das NICHT heimlich! Du kannst uns sehen, hier und jetzt. Wir wohnen Wand an Wand. Wir begegnen uns auf der Straße.

Wir sind, was wir sind! Du hast ein Problem damit? Dann such dir einen Therapeuten: Get over it! Du wirst selber klein gemacht? Dann guck dir an, WER dich klein macht!

Wir sind, was wir sind. Und das, was wir noch werden wollen, frei und selbstbestimmt. Wir sind uns untereinander nicht immer einig. Und wir wollen gar nicht von allen geliebt werden! Was wir fordern, ist Respekt! Wir fordern Akzeptanz! Wir fordern Selbstverständlichkeit!

Wir sind queer, und wir sind hier!

Queer-Aktivistinnen Kaey, Maurus Knowles und Gaby Tupper vor Hunderten Protestierenden in Neukölln. (Bild: Die Weddingfilmer)

Noam Brusilovsky: Unsichtbarkeit ist die falsche Strategie

Noam Brusilovsky, 29, wuchs bei Tel Aviv auf und studierte Regie in Berlin. Er adaptierte 2016 sein eigenes Stück WORAN MAN EINEN JUDEN ERKENNEN KANN für den Deutschlandfunk, bevor er ein Jahr später für BROKEN GERMAN den Deutschen Hörspielpreis erhielt. Anlässlich des Jubiläums der israelischen Staatsgründung produzierte er 2018 die SWR-Radioserie WE LOVE ISRAEL.

heißt der Podcast, den du gemeinsam mit Journalist Ofer Waldman produziert hast. Wer ist „WE“, um welche „LOVE“ handelt es sich, und welche Facette von „ISRAEL“ wird denn geliebt?

Von der anti-nationalistischen Antifa mit einem starken Pro-Israel-Block bis hin zur AfD, dem selbsterklärten „Garanten jüdischen Lebens“, scheint die deutsche Liebe für Israel ja groß zu sein. Aber ich frage mich: Wer liebt denn hier wen, und wieviel kostet diese Liebe? Kann man zwischen Sympathie, Liebesbehauptung und wahrhaft empfundener Liebe zwischen Staaten überhaupt unterscheiden? Es hat viel Spaß gemacht, z.B. die christliche Liebe für Israel zu untersuchen, die homosexuelle Liebe für israelische Männerkörper infrage zu stellen, oder die kulinarische Liebe für die israelische Küche zu erforschen. Es ist schon erstaunlich, dass Deutschen der 70. Geburtstag eines anderen Landes überhaupt wichtig ist.

Du selbst bist seit sechs Jahren einer von Zehntausenden Israelis in Berlin. Wie war deine Begegnung mit deutschen Juden, deren größte Gemeinde ja hier ansässig ist?

Als Stipendiat des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks kam ich natürlich mit vielen Berliner Juden in Kontakt. Ich fand hier jüdische Freunde aus allen Ländern und nehme auch am jüdischen Leben teil. Allerdings habe ich mit dem Zentralrat der Juden als Sprachrohr große Probleme: Er ist kulturell und politisch so gespalten, dass ich eine gemeinsame und verbindende Identität schwer feststellen kann. Am meisten stört mich, dass jeder Angriff gegen Juden instrumentalisiert und die Gesellschaft in Alarmbereitschaft versetzt wird. Eine solche landesweite Empörung kann ich nicht feststellen, wenn mitten am Tag auf hellichter Straße einer Trans*-Frau der Kehlkopf eingetreten wird.

Im April 2018 protestierten Tausende Nichtjuden mit Kippa in Berlin. (Bild: REUTERS/Fabrizio Bensch)

Weshalb stört es dich, dass der Zentralrat auf wachsenden Antisemitismus hinweist?

Weil es keine Probleme löst, wenn Zentralratspräsident Josef Schuster davon abrät, in Neukölln offen Kippa zu tragen, und damit einen ganzen Bezirk zur No-Go-Area erklärt. Oder islamophobe Ansichten in der Jüdischen Allgemeinen verbreitet werden. Und eine paranoide Stimmung um das Thema Antisemitismus verbessert auch nicht das jüdische Leben in Deutschland. Die Gemeinde muss endlich die Opferrolle aufgeben, und das Wort „jüdisch“ sollte nicht mehr mit Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit assoziiert werden, denn das ist die falsche Strategie. Juden spielen eine aktive und produktive Rolle in der Gesellschaft, und man sollte ihre Stimme hören – die aber nicht mehr als jede andere Stimme in der Gesellschaft zählen kann.

Wie sollte die Gemeinde deiner Meinung nach denn antijüdischen Tendenzen in der Gesellschaft entgegen treten?

Wie man Gleichstellung einfordern kann, ohne sich dabei als Opfer zu etablieren, zeigt die LGBTIQ*-Community doch sehr erfolgreich. Sie hat sich vorgenommen, sichtbar zu werden, und dies ist meines Erachtens die beste Wehr gegen eine Marginalisierung: Sich nicht zu verstecken, sich nicht dezenter zu verhalten in der Öffentlichkeit, sich in Kleidung und Haltung als Queers zu erkennen zu geben. Aus dem Grund können viele die queere Community beneiden, die sich zusammen schließt und durch die Städte marschiert. Auch sollte sich die jüdische Gemeinde überlegen, wie man sich mit anderen Minderheiten solidarisieren könnte, die sich in einer ähnlichen Situation wie sie befinden.

Zuletzt auf der Bühne mit seiner autobiografischen Solo-Performance ORCHIEKTOMIE RECHTS (Bild: Philipp Weinrich)

Stichwort Sichtbarkeit: Die Süddeutsche haderte ja mit deiner „überkandidelten Schwulenshow“, die taz empfand dein letztes Stück „so hemmungslos exhibitionistisch wie klug gebaut, und entlässt einen mit Fotos imposanter Schwänze“. Diese unübersehbare Queerness – ist dies dein Beitrag zu Sichtbarkeit?

Nein, ich bitte nicht um Verständnis und um eine ernsthafte Wahrnehmung für meine Community. Das mag daran liegen, dass meine Generation dank PrEP und nicht nachweisbarem HIV eine befreitere Sexualität genießt. Dies erst ermöglicht mir, mich in meiner Arbeit mit neuen Formen von Befreiung zu befassen, und um Abgründe. Mich interessiert die Verschränkung von Geschlecht und Pathologie, und auch die Performativität der Sexualität. Wenn ich also Unterwürfigkeit und Macht untersuche, dann geht es natürlich um Selbsterhebung, aber nicht dezidiert für LGBTIQ*-Personen, sondern jeden von uns.

Danke für das Gespräch. Wir lieben dich jetzt noch ein bisschen mehr.

Portrait-Aufnahmen von Noam: Lea Hopp

Mustafa Aldabbas: Ich habe überlebt, mehr nicht

Mustafa Aldabbas, 30, studierte Journalismus in Damaskus. Während des Bürgerkrieges arbeitete er als Medienkoordinator für die Oppositionspartei Building the Syrian State. Wie 800.000 andere Syrer floh er 2015 nach Deutschland, und arbeitet seither u.a. für den Tagesspiegel und die taz.

Wie hast du 2011 auf den Beginn des Arabischen Frühlings in Syrien reagiert?

Ich war 23 Jahre alt, arbeitete für ein Lokalblatt und büffelte gerade Französisch für die Uni, als im Radio über erste Aufstände im Süden berichtet wurde. Noch eh ich „Es beginnt wirklich!“ denken konnte, hatten die Proteste schon Damaskus erreicht: Die nächsten Monate ging ich mit Freunden täglich auf Demos, wir rechneten mit einem politischen Wechsel wie in Libyen oder Ägypten, nur ohne all das Blutvergießen. Doch unser Präsident antwortete mit Wasserwerfern und bald auch Schusswaffen, was Al Jazeera in die Wohnzimmer live übertrug. In meiner Familie sprach niemand über die Ausschreitungen, und ich demonstrierte aus Vorsicht weit genug entfernt von meinem Viertel.

Wann erreichte die neue Situation dein Privatleben?

Als Freunde verhaftet wurden und nach Frankreich flüchteten. Es wurde zwar Anfang 2012 ein Mehrparteiensystem eingeführt und Assad durfte öffentlich kritisiert werden, doch er blieb ein Präsident, der sein Land mit Folter und Mord bedrohte. Die Menschen ließen sich nicht mundtot machen und sammelten sich wegen des Demonstrationsverbots in den Moscheen statt auf der Straße – Assad verbreite deshalb die Lüge, dass die Aufstände von Islamisten ausgingen, was vor allem die Millionen von Christen aufhorchen ließ. Auch der Konflikt zwischen Sunniten und Alawiten wurde gewalttätiger. Ausländische Medien waren längst des Landes verwiesen, die Berichterstattung war staatlich gelenkt, und Assad hatte in nur einem Jahr den Aufstand zu einem Bürgerkrieg eskalieren lassen. Es waren nicht mehr Studenten mit Plakaten und oppositionelle Bürger, die den Ton angaben, sondern plötzlich „Rebellen“ mit ausländischen Waffen.

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Nach Protesten trat 2011 die syrische Regierung zurück – nicht aber Assad (Bild: ABC)

Du warst all die Zeit in Damaskus: Wie hat sich der Alltag auf der Straße in diesem einen Jahr verändert?

Zum einen war die gesamte Stadt durch ein dichtes Netz von Checkpoints nur mühsam zu passieren, zum anderen war Damaskus nach außen hin abgeschottet, um Konflikte aus den ländlichen Gebieten fernzuhalten. Ständig donnerten Kampfjets im Himmel, während aus dem Radio ununterbrochen Propaganda plärrte. In meiner Nachbarschaft hatten sich Männer, zumeist ohne Bildung und Arbeit, mit Kalaschnikows und Granaten bewaffnet: Der Krieg hatte sie mit Geld und ungewohnter Macht ausgestattet, unsere Straße war ein gefährlicher Ort geworden. Dann klingelte im Sommer 2012 mein Handy: Das gesamte Viertel war geräumt worden, alle seien auf der Flucht, und ich solle auf keinen Fall nach der Uni nach Hause kommen, warnte meine Mutter. Dann brach der Kontakt ab, und es gab für Monate kein Lebenszeichen von ihr.

Und was hast du nach diesem Telefonat getan?

Das ist bis heute für mich schwer in Worte zu fassen. Ich ließ an jenem Tag meine Abschlussarbeit liegen und versteckte mich in einem Haus ohne Wasser und Strom. Ich assistierte einem oppositionellen Journalisten von Orient News, bis dieser ermordet wurde. Ein Grenzsoldat ließ mich abführen und ich hockte für 40 Nächte in einem Keller mit 100 Nackten, darunter Kinder und Behinderte, ohne ein Verhör. Ich wusste, dass Zehntausende in Gefängnissen wie meinem ermordet wurden: Ich verlor mein Gewicht, meine Haare und die Hoffnung. Am Tag meiner Entlassung wurde ich von Milizen verschleppt, dann wollte mich das Militär für Assads Armee einziehen… Ich habe diese fünf Monate überlebt, mehr will ich dazu nicht sagen.

Wie bist du diesem Albtraum entkommen?

Meine Schwester schaffte es, mich zu sich in den Libanon zu holen. Ich saß in ihrem Auto in Richtung Beirut, das sonst nur zwei Stunden von Damaskus entfernt liegt, aber die Ausreise dauerte wegen der Barrikaden einen halben Tag, vorbei an zerbombten Städten und verschmorten Leichen am Straßenrand. Als Syrien endlich hinter mir lag, brach ich zusammen und brauchte Monate, um mich zu erholen. Aber ich zwang mich zurück ins Leben und kehrte 2013 heim nach Damaskus.

Zurück ins Kriegsgebiet, obwohl du im Libanon in Sicherheit warst?

Ich wollte zu meinen Freunden, in meine Universität und nicht diesen Irren mein Land überlassen. Ich engagierte mich bei Building the Syrian State, einer der drei anerkannten Oppositionsparteien, unter deren Schutz ich erstmals mit bürgerlichem Namen politisch agieren konnte. Ich korrespondierte mit ausländischen Journalisten, die Assad wieder einreisen ließ, und ich organisierte Konzerte, Lesungen und Ausstellungen, auch von verfolgten Künstlern wie Hani Abbas. Unsere Parteizentrale schien für Viele der einzige Ort, sich frei zu äußern, und das machte unsere Büros zum Schützengraben für Sky News Arabia und China TV, die von dort aus international berichteten. Nicht weniger aufregend als die Politik war für mich der Augenblick, als ich ein junges Paar sich auf offener Straße küssen sah. Das war ein großer Moment, aus dem ich neue Hoffnung schöpfte.

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(Bild: Hani Abbas, 2013)

Wann hast du erkannt, dass du Syrien für immer verlassen musst?

Nach einem Jahr hatte sich die Situation so stark verschlechtert, dass ich fliehen musste. Assads Sicherheitskräfte wurden immer gewalttätiger, und Parteigründer Louay Hussein erklärte, dass keiner von uns mehr sicher sei. Ich verließ mein Land, dieses Mal für immer. Zurück in Beirut, stürzte ich mich in Arbeit, wollte mich gebraucht und stark fühlen, aber meine Gesundheit verschlechterte sich wieder dramatisch. Ich entschied mich, den Nahen Osten hinter mir zu lassen, und dank Amnesty International und der UN-HCR, die sich um Vertriebene kümmern, verlief meine Ausreise unkompliziert. Zwei Monate später landete mein Flugzeug in Deutschland.

Hat man dir hier geholfen, um dich zu einem von 4 Mio. Berlinern zu machen?

Man hat es zumindest versucht. Es wurde mir ein U-Bahn-Fahrplan in die Hand gedrückt, obwohl ich noch nie zuvor in einem Zug gesessen hatte. Auch ein Zettel mit Arztnummern brachte nichts, da Berliner Krankenschwestern weder Arabisch noch Englisch sprechen. Der Anfang war also sehr hart für mich, aber sobald ich Deutsch sprechen konnte, bekam ich ein Praktikum bei der taz. Derzeit arbeite ich für die Nahost-Plattform Al-Monitor und hoffe, bald an einer deutschen Uni mein abgebrochenes Studium zu beenden.

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Die Herzogin von Oldenburg schlug 2016 eine Alternative für die deutsche Willkommensgesellschaft vor. (Quelle: https://bit.ly/2ENj78Y)

Gibt es denn Probleme im Umgang mit Deutschen?

Viele wollen nicht zwischen Syrien und dem Islamischen Staat unterscheiden, sie halten syrische Staatsbürger für religiöse Fanatiker. Das liegt auch daran, dass Assad geflüchtete Oppositionelle und Aktivisten wie mich als Islamisten gebrandmarkt hat. Wenn es also zu solchen Situationen kommt, erkläre ich dann, dass Syrien ein offenes Land war, in dem Jesiden neben Christen und Juden lebten und niemand gezwungen war, Moscheen zu besuchen.

Der Bürgerkrieg tobt bereits das siebte Jahr, aber auch der wird irgendwann enden. Was ist deiner Meinung nach wichtig für die Zukunft Syriens?

Mit den Rückkehrern und einem neuen Bildungssystem könnte der erste Schritt zu einem Neuanfang möglich sein. Religion und Staat müssen wieder voneinander getrennt und die Syrer an politischen Entscheidungen beteiligt werden – unter der Voraussetzung, dass freie Wahlen zu einer neuen Regierung führen. Assad hat als Kriegsverbrecher zur Verantwortung gezogen zu werden.

Aber man darf nicht ignorieren, dass Syrien zerstört ist, nicht nur die Häuser, sondern das Miteinander. Ökonomische und religiöse Konflikte liegen offen, überall grassiert Korruption, und jeder zweite Syrer ist noch immer auf der Flucht. Viele wurden durch den Krieg reicher, der Großteil aber verlor alles. Die Oppositionsparteien bekämpfen sich untereinander, das Regime und das Militär hingegen sind weiterhin intakt. Ich halte mich daher mit Prognosen über die Zukunft zurück.

Danke, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst. Schön, dass du hier bist!

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Portrait-Aufnahmen von Mustafa: Alexander Winter

Johannes Kram: Woanders gibt es diesen Humor nicht

Johannes Kram, 51, eroberte von Trier aus als Manager von Guildo Horn erst Köln, dann die Republik und schließlich den Eurovision Song Contest 1998. Er schreibt erfolgreiche Bühnenstücke, initiierte den medienkritischen Waldschlösschen-Appell gegen Homophobie und wurde für seinen NOLLENDORFBLOG für den Online-Grimmepreis aufgestellt. Sein erstes Buch ICH HAB JA NICHTS GEGEN SCHWULE, ABER… stieß 2018 eine breite Diskussion an – zum Ärger deutscher Komiker.

Wir leben doch in einem vermeintlich offenen, freien Land, in dem von Homophobie keine Rede mehr sein kann – weshalb dieses Buch jetzt?

Stimmt, wenn man Homophobie diskutiert, dann kommt meist als Antwort: Damit hab ich nichts zu tun, ich bin tolerant, und außerdem habe ich homosexuelle Freunde. Wenn man dann aber nachfragt, ob küssenden Pärchen auf der Straße ok sind, folgt ganz schnell: Naja, muss sowas vor Kindern sein? Niemand hat was gegen Homosexuelle, aber… und dieses Aber ist dann meist problematisch. Warum ist das so, woher kommen diese Reaktionen, was können wir dagegen tun? Deshalb gibt es mein Buch jetzt.

ICH HAB JA NICHTS GEGEN SCHWULE, ABER… heißt der Band – fehlt da nicht eine Gruppe von Homosexuellen?

Es geht um Homosexualität, also natürlich auch um Lesben. Homosexuelle und Schwule werden jedoch häufig synonym genannt, so wird etwa der Christopher-Street-Day als „Schwulenparade“ bezeichnet. Dann wurde jahrelang über die „Schwulenehe“ debattiert, obwohl es natürlich die Homo-Ehe hieß. Oft werden Lesben einfach vergessen, und das wollte ich im Titel aufgreifen – auch dagegen haben wir uns gemeinsam zu wehren.

Interessant an deinem Buch ist, dass die Rechten und Reaktionären thematisch ausgespart werden, und du stattdessen die Stimmung in der bürgerlich-liberalen Mitte analysierst.

Ich will nicht verharmlosen, dass die Gefahr und die Aggression von Rechts kommen, aber man muss nicht nur dort Homophobie bekämpfen, wo sie groß drauf steht, etwa auf der AfD oder der katholischen Kirche. Mir geht es um die Menschen, die nicht merken, dass sie homophob argumentieren. Eben weil es zu ihrem Selbstbild gehört, nicht homophob zu sein. Aber wenn nur jeder Dritte unter Homosexuellen bereit ist, am Arbeitsplatz über seine schwule oder lesbische Identität zu reden, dann gibt es ein homophobes Problem in Deutschland, das eine wirkliche Gleichstellung verhindert. Und zu dessen Lösung hat die heterosexuelle Mehrheit beizutragen.

Das Buch verschweigt nicht, dass sich die Situation für Homosexuelle gebessert hat. Es gibt aber auch Stimmen – du zitierst SPD-Schwergewicht Sigmar Gabriel – die fordern, dass es nun langsam auch mal gut sein müsse.

Mitte-Links findet die Gleichstellung natürlich ganz toll, fragt sich aber auch immer wieder laut: „Haben wir eigentlich keine wichtigeren Probleme? Was nützt die #EhefürAlle dem Industriearbeiter?“ Ich frage dann gern zurück: „Schadet es dem Industriearbeiter? Gibt es keine Homosexuellen in den Fabriken?“ Es wird so getan, als wenn die gleichgeschlechtliche Ehe ein Lifestyle-Thema sei, das nur eine Elite anginge. Dabei sind vor allem prekär Beschäftigte eh schon benachteiligt, und dann gönnt man ihnen nicht mal das private Glück?

Soll das Buch also eine Aufforderung zum Dialog sein?

Ja, und ich beginne mit der Feststellung: Ich bin homophob. Ich bin in einer Gesellschaft groß geworden, in der man nicht nicht-homophob sein kann! Wir sind alle aufgewachsen mit Schulbüchern, Werbefernsehen und Kinderliteratur, die eine Mann-Frau-Welt voraussetzten. Auch viele Homosexuelle fühlen sich noch unwohl, wenn sich Männer im Fernsehen küssen, oder Lesben offen Händchen halten. Auch ich konnte mir nicht vorstellen, weshalb Homosexuelle heiraten wollten, und musste mich an den Gedanken gewöhnen wie Andere auch. Die Zeiten ändern sich, und es müssen die Probleme benannt werden, die zu lang unter den Teppich gekehrt wurden.

Dabei werden vor allem deutsche Komiker und Kabarettisten wie Jürgen von der Lippe angesprochen, denen das Buch vorwirft, homophob zu sein.

Nein, ich behaupte: Der Humor ist homophob. Wir reden ja nicht von einem Anzug, den man sich überstreift, oder eine Krankheit, die man mit Pillen behandeln kann – das gilt für Homophobie wie auch für Sexismus oder Rassismus. Wenn also jemand homophobe Gags macht, dann muss man darüber auch reden können. Und wenn Dieter Nuhr mir im Spiegel vehement widerspricht und jede Homophobie von sich weist, da er schließlich für die Gleichstellung eintrat, ist das beispielhaft für viele Menschen, die das Problem nicht erkennen.

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Nuhr nennt den Vorwurf der Homophobie „abstrus“. (Bild: SpiegelOnline)

Natürlich darf man weiterhin homophobe Witze machen, aber man muss auch die Kritik daran gelten lassen. Denn wenn ich es nicht schaffe, Dieter Nuhr zu widersprechen, wie soll es dann ein Achtjähriger packen, wenn er auf dem Schulhof „schwule Sau“ hört oder vor ihm herumgeschwuchtelt wird? Wie sollen junge Menschen das schaffen, wenn wir Älteren das Problem nicht definieren können? Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass man meist auf offene Ohren stößt, wenn man die Menschen nicht vor versammelter Runde bloß stellt, sondern das Empfinden ruhig erklärt.

Macht das Buch also Vorschläge, wie man mit homophoben Menschen umgeht?

Ich frage mich ja selbst, warum ich damals über die Tunten in DER SCHUH DES MANITU gelacht habe. In anderen Ländern gibt es diesen Humor ja nicht, da ist Homosexualität nicht die Pointe eines Witzes. Und mein Buch richtet sich auch an junge Homos, denen heute gesagt wird: Es gibt doch homosexuelle TV-Helden, ihr habt das Internet und dürft heiraten! Nein, auch Junge haben das Recht zu sagen, dass Homophobie sie stört. Und deren heterosexuelle Freunde will ich auch bestärken, den Mund aufzumachen, wenn Homos verarscht werden. Beim ersten Mal wird vielleicht noch darüber gelacht, aber beim nächsten Mal findet man das sicher mutig, dass hier Stellung bezogen wurde.

Denn solche Vorbilder gab es nicht, als es um die Gleichstellung ging?

Zumindest unter Heterosexuellen gab es nicht Viele, die dafür gekämpft haben – die meisten waren bestensfalls „nicht dagegen“. In den USA war es das komplette Gegenteil, wo etwa Brad Pitt und Angelina Jolie schon 2006 sagten, dass sie erst heiraten würden, wenn für Alle die Zivilehe geöffnet wird. Und das ist auch wichtig, dass es kein Randgruppenthema bleibt: Es sind schließlich vor allem Heterosexuelle, die homosexuelle Kinder haben. Weshalb sich also nicht mit dem Thema beschäftigen, weshalb immer noch diese Familiendramen? Für Familien gibt es so viel zu tun, ebenso wie für Chefs, die ihre homosexuellen Angestellten vor Witzeleien und Mobbing schützen müssen. Es liegt auch an Heterosexuellen, dass es in Deutschland für alle beser wird.

Für uns bist du heute schon ein queerer Hero. Danke, Johannes!

Bild: Daniel Ziegert

L’Europe, c’est nous! – Europa, das sind wir!

„Jedes Reich, das in sich gespalten ist, geht zugrunde.“

(Matthäus 12,25)

Der Kontinent lag noch in Weltkriegstrümmern, als 1948 ein neues Europa erdacht wurde: Ein föderaler Staatenbund, der Frieden, Demokratie und Solidarität untereinander sichern sollte. Eine große Idee, die die Gleichheit und Freiheit aller Nationen hütet.

Siebzig Jahre später umgibt Europa ein Stimmengewirr aus Empörung, Wut und Ohnmacht: Der supranationale Staatenverbund sieht sich heute einem zersetzenden Nationalismus gegenüber. Gewalttätige Proteste stellen die friedliche Einheit infrage, während autokratische Bestrebungen die Demokratie aushöhlen. Die Austeritätspolitik bestraft die Menschen mit Haushaltskürzungen und Steuererhöhungen – und lässt Solidarität selten spüren.

Als Vater der Europäischen Bewegung forderte Winston Churchill einst die Gleichheit der Nationen – heute verwaltet Theresa May den Brexit. Ein grenzenloser Kontinent ermöglicht über 500 Millionen eine Freiheit, die lautstarke Rechtspopulisten einschränken wollen. Keine Bankenkrise könnte destabilisierender wirken als der Vertrauensverlust in die europäische Idee.

Doch Europa ist mehr als ein Kostenfaktor, mehr als eine Räuberhöhle: Europa ist eine Utopie, die uns seit Jahrzehnten den Tisch reich deckt. Und während sich die Jünger darüber streiten, wie alles nur so schrecklich werden konnte, mahnt Europa hoffnungsvoll und warnend: Ihr habt mich ausgedacht, und verzweifelt? Dann denkt mich weiter! Schafft einen neuen Mythos, bündelt progressive Kräfte und setzt neue demokratische Regeln fest, auf neuen Wegen, mit neuen Gedanken.

Lasst uns den Mythos Europa weitererzählen. Nicht in den Phrasen des 20. Jahrhunderts, sondern als universelle Idee für morgen. Europa, das sind wir!

Bild: Steven P. Carnarius

TfD-Rede zum Queer History Month 2018

Rede anlässlich der Auftaktveranstaltung zum 5. Queer History Month, vorgetragen von Jacky-Oh Weinhaus im Jugendmuseum Schöneberg am 14. November 2017.

„Das T-Shirt sieht voll schwul aus.“
„Schwule sind soooo eklig.“
„Boah, der is‘ so’ne Schwuchtel.“

Das ist Geschichte. Gelebte Zeitgeschichte, um genau zu sein. Wir hören sowas zwar mittlerweile nicht mehr jeden Tag, aber wir hören es immer noch. Da hat Kleidung plötzlich eine Sexualität und Sexualität auch gleich eine Wertung. Das ist oft gar nicht diskriminierend gemeint. Schwul ist einfach – was? Anders, fremd vielleicht? Oder ist „schwul“ nur ein anderes Wort für „scheiße“? Fängt ja immerhin beides mit S-C-H an.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Das hat Ludwig Wittgenstein gesagt; der war ein österreichischer Philosoph, der sich in seinen Werken u.a. auf die Anwendung von Sprache bzw. die Unterscheidung sinnvoller und unsinniger Sätze konzentriert hat. Ein schlauer Mann also. Wenn wir sein Zitat auf unser Beispiel anwenden, könnten wir Folgendes behaupten: Wer „schwul“ mit „scheiße“ gleichsetzt oder mit „schwach“ – übrigens auch wieder so ein tolles Wort mit S-C-H –, zieht eine Grenze. Das Wort „schwul“ erhält somit Eigenschaften, die es eigentlich gar nicht hat. Es wird sogar gleichgesetzt mit anderen Begriffen, die in keiner Relation zueinander stehen. Und – weswegen passiert das? Um zu unterscheiden?

Na, sagt irgendwer, das liegt doch auf der Hand: Die eigentlichen Eigenschaften eines schwulen Mannes sind halt so. So viel muss man da nicht unterscheiden. Der Schwule ist unmännlich; er ist tuntig, macht gern „Mädchensachen“ ist halt uncool. Und darin steckt gleich eine doppelte Wertung: Was Mädchen machen, ist blöd. Oder anders gesagt: Der heterosexuelle Mann ist stark, groß, überlegen – schlicht der King. Und die heterosexuelle Frau? Die ist im Umkehrschluss schwach, klein und unterlegen – die Untertanin. Man könnte fast „Opfer“ sagen. So dringt der Mann ja auch in die Frau ein, körperlich. Er erobert, er unterwirft sie. Er drückt damit seine Stärke aus – und ihre Unterlegenheit. Weiblichkeit, so die logische Schlussfolgerung, ist eine Schwäche.

Und auch das ist Geschichte – gelebte – Jetzt-Geschichte, die passiert jeden Tag: Sexualität und Geschlecht, d.h. Gender, werden bewertet. Sie werden eingeteilt in „gut“ und „schlecht“, in „richtig“ und „falsch“. Wenn eine Person also „schwul“ in einem abwertenden Sinne benutzt – bspw. auf Dinge bezogen, Gegenstände, die selbstverständlich keine Sexualität besitzen, wie das T-Shirt eben –, so muss diese Person das nicht diskriminierend meinen. Sie beleidigt damit keinen schwulen Mann in der Realität, zumindest nicht in diesem Augenblick. Es ist ja „nur“ ein Wort. Und trotzdem: die negative Nutzung, die Abwertung zieht eine weitere nach sich. Sie zieht eine Grenze. Sie beschränkt eine Welt. Und zwar im Zweifelsfall die eines schwulen Mannes. Und das ist sehr wohl sehr diskriminierend.

Wer aber hat die Wörter miteinander gleichgesetzt? Woher kommt die Verbindung von „schlecht“, „schwach“, „scheiße“, „schwul“ – S-C-H hoch vier –, und wie kann es sein, dass diese Gleichsetzung heute genauso selbstverständlich geschieht wie vor Jahren und Jahrzehnten? Wer legt fest, dass Sexualität eine Beschimpfung ist? Und könnte es Parallelen geben zwischen Sprache und Hassverbrechen gegen Personen der LGBTIQ*-Communities weltweit? (LGBTIQ* steht übrigens für Lesben, Schwule, Bi-, Trans*- und Intersexuelle sowie queere Menschen).

Nehmen wir doch beispielsweise Brasilien. Hier sind bis zum September 2017 insgesamt 227 Personen aus der LGBTIQ*-Community umgebracht worden, davon 125 Transvestiten und Trans*sexuelle. In Tschetschenien werden bis zum heutigen Tag homosexuelle Männer verfolgt, misshandelt, gefoltert und getötet. Wenn es nach Ramsan Achmatowitsch Kadyrow, dem Präsidenten der Teilrepublik Tschetschenien, geht, gibt es in seinem Land überhaupt keine schwulen Männer. Und damit gliedert sich Kadyrow hervorragend ein in eine lange Reihe homophober Politiker*Innen, die das Sagen haben. Immerhin ist Homosexualität in über 70 Ländern strafbar – darunter auch mit der Todesstrafe.

Liebe Schülerinnen und Schüler – wir wollen euch diese Worte zur Auftaktveranstaltung des Queer History Month mit auf den Weg geben. Ihr seid hier, um euch mit queerer Geschichte auseinanderzusetzen. Ihr seid hier, um die Welt zu erweitern statt sie weiter einzugrenzen. Dabei geht es nicht allein nur um Verständnis, sondern gerade auch um Empathie – die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Ihr werdet sehen, dass eine lesbische Frau nicht „männlich“ sein muss, um Frauen zu lieben. Dass in einer schwulen Beziehung beide Partner Männer sein dürfen, und nicht einer von beiden „die Frau“. Dass trans*-idente Menschen ein Recht darauf haben, ihr Geschlecht selbst zu bestimmen.

Es geht dabei nicht allein um negative Aspekte – d.h. um all die Zäune und Mauern, die andere aufgestellt haben. Es geht vielmehr ganz gezielt um die Ausbrüche – die vielen kleinen und großen Kämpfe – und wahre Stärke, die keine Begrenzung zulässt. Es geht darum zu verstehen, dass ihr – ihr alle – Teil der Lösung seid. Ihr bestimmt, und ihr allein, wie groß und weit diese Welt sein kann. Und das beginnt bereits mit einem Wort wie „schwul“, das plötzlich nicht mehr „scheiße“ bedeutet.


Informationen zum Queer* History Month
Bild: Levi Saunders