Frau Weinhaus fragt… Christine Lüders

Im Auftrag der TfD – Travestie für Deutschland:
Teil 5 der Formatreihe „Frau Weinhaus fragt…“

Heute: Christine Lüders. Ihres Zeichens Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Sie erklärt uns einige wissenswerte Aspekte der AfD – und vor allem, was bei ihnen absolut nicht läuft.



Bild: Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Frau Weinhaus fragt… Volker Beck

Im Auftrag der TfD – Travestie für Deutschland:
Teil 4 der Formatreihe „Frau Weinhaus fragt…“

Heute: Volker Beck. Der Menschenrechtspolitiker, und seinerseits aktiver Grüner, hat sich nicht nur umfassend mit Gesetzen zur Antidiskriminierung, der Informationsfreiheit sowie dem Zuwanderungsrecht beschäftigt. Er kümmert sich auch um die Rechte von Oppositionellen, Frauen, Kindern, ethnischen, kulturellen und religiösen Minderheiten sowie Homosexuellen. Hier sein Statement zur AfD.


Bild: Angelika Kohlmeier

Kein Sex mit Nazis

Kein Sex mit Nazis lese ich auf dem Plakat, das meine queer-aggressive Freundin in der verschlafenen Neuköllner Finowstraße an einen Baum lehnt, direkt auf dem grünen Mittelstreifen gegenüber einem Dreißiger-Jahre-Viergeschosser. Allerdings ist kein Nazi weit und breit zu sehen, gegen den es zu demonstrieren gilt. „Eben, die sind nicht erkennbar – wie HIV unter der Nachweisgrenze. Nur mit dem Unterschied, dass die AfD-Pisser ihr braunes Gift still weiter verspritzen. In MEINER Szene!!“

Ja, Szenen sind Berlinern heilig, sie bieten Schutzraum vor vermeintlichen Antagonisten. Die junge Queer-Szene in Berlin trägt ihre Offenheit, ihren Antirassismus und ihre Gender-Diversität stolzbrüstig vor sich her, und hat wenig Sympathie für privilegierte Biodeutsche, die sich in den erkämpften Homo-Schutzraum eingerichtet haben und konservativ wählen: Etwa geistig-faule Chauvinisten wie Thomas de Jesus Fernandes oder Spitzenkandidatin Alice Weidel, die es zu Ruf und Schande gebracht haben als homosexuelle Gesichter der AfD.

Ich kenne den, der den Fensterblick auf das Plakat wenig genießen wird, kaum. Jung, gebildet, schön, ein blonder Weltenbummler aus guten Hause, die Jüdin Hilde Domin auf dem Nachttisch, einen israelischen Schwuli neben sich im Bett. Und eben diesem nichteuropäischen, dunkelhäutigen, homosexuellen Nahostler gilt der Weckruf auf Pappe – „Kein Sex mit Nazis“ – und er soll erhört werden, wenn auch nicht an jenem Abend. Noch werden Ohren und Hirn noch ausgestellt, und weiter gebumst.

Erst Wochen später später wird sich der HJ-Schönling offenbaren: Mauern gegen die Barbaren seien unvermeidlich! Schwulenrechte hintenanzustellen aufgrund der bevorstehenden Umvolkung! Und überhaupt: „Willst du in Deutschland eine Scharia?“ Endlich sollte der freundschaftliche Protest Früchte tragen, die Plakat-Aktion, der gemeinsame Theaterbesuch des AfD-Proteststückes FEAR in der Schaubühne, zähe redundante Diskussionen bis tief in die Nacht – und endlich wird dem Israeli, dem ganzen Stolz seines Holocaust überlebenden Großvaters, angesichts seines völkischen Liebhabers spuckeübel.

Mit dem Ende ihrer Romanze endet auch der Aktionismus besagter Freundin, was das heimliche AfD-Mitglied sicherlich aufatmen lässt. Das letzte, was seinem blütenweißen Lebenslauf fehlen würde, wäre *sein Name* plus *AfD* als Google-Suchergebnis. Er baut auf die Diskretion seiner Familie und Freunde, ihn vor Konfrontation zu schützen. Es werden alle dichthalten, nur der Heldin dieser Anekdote, meiner antifaschistischen Freundin, der juckt es noch immer in den Fingern.


Text: Buffalo Meus
Bild: Jan Voß (von WeitWegOutOfSpace)

Familie ist der Sieg der Gene über Sympathie

Familie ist der Sieg der Gene über Sympathie raunt es durch meinen Kopf, eine alte Weisheit eines noch älteren Freundes, Geschichtsprofessor und Menschenhasser, keiner weiß es also besser. Ich wappne mich in der einstündigen Zugfahrt gen Heimat. Dort freut man sich auf meinen seltenen Besuch, da köchelt das Essen zum Fest der Familienzusammenführung, da wählt man mit 33% die Nazi-Partei AfD.

Es sei kein Rassismus, wird in allen Medien versichert. Nirgends ein Nazi, keine NPD-Wahlerfolge bislang… Und dann kamen die verlotterten Araber übers Meer. Soldaten zogen aus der nahen Bundeswehrkaserne, und 700 dunkelhäutige Fremde zogen ein, beinah so viele wie es Dorfbewohner gibt, allesamt keine Rassisten, Gott sei Dank.

Aus der wohlgemeinten Übergangsstation wurde ein überbelegtes Flüchtlingsheim, wie immer kopflos in der Landeshauptstadt entschieden ohne Einbeziehung der Kommune. Hier wagt sich keine der bisherigen Reinigungskräfte mehr rein, deren Berichte pendeln zwischen „Die hausen wie die Schweine!“ und „Die leben wie die Maden im Speck!“, je nachdem, welche populistische Kerbe gerade mehr Aufmerksamkeit produziert. Mitnichten ist dies rassistisch, das kann hier wirklich keiner behaupten.

Bislang gab es nur drei „Ausländer“ im Ort, die keine Schwierigkeiten machten. Schwierigkeiten machen die Neuankömmlinge auch nicht – die von der AfD geschürte Angst vor Scharia und Minaretten ist also weiterhin unbegründet, dafür aber echt. Die Dorfschule wurde eben geschlossen, Bankautomaten gibt’s nicht mehr, der Handel zieht ab, junge Familien: Fehlanzeige. Dafür 700 neue Konsumenten im Dorf und mediale Aufmerksamkeit über tatkräftige Unterstützer, doch so denkt man hier nicht. Meine anämische Heimat ist bankrott, sie erliegt nach 850 Jahren Geschichte. Unbedacht wird man künftig an diesem sterbenden Tier vorbeifahren, ohne Halt machen zu müssen. Mit letztem Zucken werden noch schnell die Aasgeier mit 33 Prozent gewählt. Meine alten Nachbarn haben ihre Gründe, Rassismus ist selbstredend keiner davon.

So erzählt man mir bei Kaffee und Kuchen nach meiner Rückkehr: Dass mein Vater mit syrischen Jungs deren Möbel zusammenbastelt und hinterher am Stammtisch vorwurfsvoll angeschwiegen wird. Dass meine bislang politisch desinteressierte Schwester gespendete Elektrogeräte aus ihrem Auto hievte, und meine dicke Tante sich laut fragte: „Suchst einen neuen Mann?“ In diesem Teil Deutschlands brüsten sich gute Menschen nicht mit guten Taten, keiner mag aufgeschlitzte Autoreifen am Morgen, schon wieder. Ich selber werde als Ehrengast in Ruhe gelassen, ich wäre „schon immer so international eingestellt“ gewesen, da lohnt sich das Gezeter eh nicht, ich sei als freiwilliger Neuköllner eben unbelehrbar.

Ich ignoriere all das, wie man das eben so macht bei Menschen, mit denen man die Gene teilt. Ich kuschle mich an Oma und sage, dass ich Opa vermisse, der immer so traurig, aber nie ohne Stolz von seiner Flucht vor Krieg und Verwüstung erzählte. Ein totenbleicher Teenager vor 70 Jahren, kein Wort Deutsch, gottverlassen und runtergehungert, unser Stammvater.

Stumm wird in der Stube der Filterkaffee umgerührt, ungerührt.


Text: Buffalo Meus
Bild: Kyle Meck

Frau Weinhaus fragt… Maurice Gajda

Im Auftrag der TfD – Travestie für Deutschland:
Teil 1 der neuen Formatreihe „Frau Weinhaus fragt…“

Heute: Maurice Gajda. Abgefangen im BKA Theater zu Berlin, gibt uns der Fernseh- und Radiomoderator seinen Kommentar zur AfD. Gajda arbeitet u.a. bei ProSieben sowie beim öffentlich-rechtlichen Radiosender Radio Fritz, Rundfunk Berlin-Brandenburg. Ihr könnt ihn bei Twitter, Instagram und YouTube finden.


Bild: Maurice Gajda