Wir sind queer! Wir sind hier!

Maurus Knowles‘ Rede zum Tuntenspaziergang vorm Rathaus Neukölln am 26. Mai 2018.

Wir sind trans. Wir sind lesbisch. Wir sind schwul. Wir sind Tunten. Wir sind intersexuell. Vielleicht sind wir etwas, von dem du noch nie gehört hast, und das du nicht verstehst. Einige von uns sind sogar heterosexuell. Wir sind alles mögliche, aber wir folgen nicht jeder Norm! Und eines haben wir gemeinsam: Wir bitten NIEMANDEN um Erlaubnis, das zu sein, was wir sind!

Wir sind, was wir sind! Und wir sind das NICHT heimlich! Du kannst uns sehen, hier und jetzt. Wir wohnen Wand an Wand. Wir begegnen uns auf der Straße.

Wir sind, was wir sind! Du hast ein Problem damit? Dann such dir einen Therapeuten: Get over it! Du wirst selber klein gemacht? Dann guck dir an, WER dich klein macht!

Wir sind, was wir sind. Und das, was wir noch werden wollen, frei und selbstbestimmt. Wir sind uns untereinander nicht immer einig. Und wir wollen gar nicht von allen geliebt werden! Was wir fordern, ist Respekt! Wir fordern Akzeptanz! Wir fordern Selbstverständlichkeit!

Wir sind queer, und wir sind hier!

Queer-Aktivistinnen Kaey, Maurus Knowles und Gaby Tupper vor Hunderten Protestierenden in Neukölln. (Bild: Die Weddingfilmer)

Sylvester Alone: Wenn die uns sehen, können sie nicht anders!

Rede anlässlich der Großen TfD-Revue zur Bundestagswahl, vorgetragen von Sylvester Alone im SELIG am 22. September 2017.

Viele verstehen ja nicht, was diese TfD soll, warum die überhaupt initiiert wurde, und dann noch der Name… Aber es gibt einen Grund, warum das Projekt Travestie für Deutschland heißen musste. Travestie hat nämlich eine tolle Eigenschaft, sie ist herrlich unbequem. Travestie beißt manchmal in den Augen, provoziert fast immer, hat das Potenzial, auf die Nerven zu gehen – und Travestie ist so überhaupt gar nicht darauf angewiesen, dem Betrachter zu gefallen.

Wissen viele vielleicht nicht, dass sie die Plakatmotive gar nicht geil finden müssen (können schon, aber nicht müssen). Denn hier geht es mal darum, NICHT gefallen zu müssen, anderen mal NICHT das zu zeigen, was sie sehen wollen. Sondern es geht darum, die Leute aus ihrer Komfortzone zu jagen, ihr Weltbild zu hinterfragen, das Erwartete zurück zu halten und zu überfordern.

Denn wer unterfordert, produziert nur immer mehr von dem, was schon da ist. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die politischen Parteien, die sich am verschwenderischsten mit den kulturellen Ergüssen unserer Geschichte schmücken, selbst eine Regierungsidee vertreten, in der solch eine Kultur überhaupt nicht entstehen könnte.

Weil nämlich alles Andersartige sofort weg gebissen wird. Jede Kritik ist Verleumdung. Alles Fremde ein unwillkommener Eindringling. Jeder Lebensentwurf abseits von Mutter-Vater-Kind gilt als widerwärtig oder unnatürlich. Unnatürlich ist sowieso mein Lieblingswort. Man könnte es auch umschreiben mit: „Mutti hat mir das damals verboten, also dürft ihr auch nicht, ätsch!“ All das wäre Unterforderung, eine plätschernde Bestätigung des immer gleichen. Als würde die Republik im Privatfernsehen laufen. Genau so sieht die Welt aus, in der ich nicht leben möchte.

Ich möchte nicht in einem Staat leben, der mit Lineal und Stift herum rennt und Linien zieht zwischen normal und unnormal, um die Unnormalen dann auszugrenzen. Ich möchte auch nicht in einer Gesellschaft leben, in der Stromlinie das neue Schwarz ist, und nur das erlaubt ist, was den Anderen gefällt. Ich möchte vielmehr in einer Welt leben, in der Menschen exakt so sein dürfen, wie sie sich auch wohl fühlen. Eine Welt, in der Frauen nicht permanent fickbar aussehen müssen. Eine Welt, in der Männer sich nicht angegriffen fühlen müssen, sobald ein anderer Mann sich unseriösen Fummel überstreift. Eine Welt, in der es scheißegal ist, wer wen liebt.

Darum muss das Projekt auch Travestie für Deutschland heißen: Weil Travestie ein Potpourri der Spielarten ist, die das konservative Weltbild wunderbar herausfordert. Ein rotes Tuch für die Rechtspopulisten – wenn die uns sehen, können sie nicht anders, als ihren Hass von der Leine zu lassen und ihre menschenverachtende Ideologie zu offenbaren, gut sichtbar im Internet, auf Facebook, in den Kommentarspalten.

Die Ausrede „Ich ahnte ja nicht, was das für Leute sind“, die zählt diesmal nicht.

Kamera, Schnitt: Maximilian Pilling

Bild: Steven P. Carnarius

Frau Weinhaus fragt… Christine Lüders

Im Auftrag der TfD – Travestie für Deutschland:
Teil 5 der Formatreihe „Frau Weinhaus fragt…“

Heute: Christine Lüders. Ihres Zeichens Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Sie erklärt uns einige wissenswerte Aspekte der AfD – und vor allem, was bei ihnen absolut nicht läuft.



Bild: Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Die Freiheit führt (immer noch) das Volk

Together we stand, divided we fall.

Unsere Marianne ist keine Nationalfigur mehr, sie gehört keinem Land. Wen die Freiheit führt, der will nicht an Grenzen stoßen, der will keine Barrieren, keine Festungsgräben. Unsere Marianne, das ist Europa. Und nur ein aufgeklärtes, ein offenes Europa kann uns in die Freiheit führen. Uns – und alle die Zuflucht suchen.

Mit dem Bild Die Freiheit führt (immer noch) das Volk wollen wir ein Zeichen dafür setzen, dass wir bereit sind für den Widerstand. Wir stehen gemeinsam gegen die Angst und für die Gelassenheit, gegen den Populismus und für die Demokratie, gegen den Terror und für den Frieden. Dafür nutzen wir unsere eigenen, künstlerischen Mittel – die Travestie ist eines davon.

Ob kämpferisch, stolz, hoffnungsvoll oder sogar widerwillig – jede_r* auf diesem Bild verkörpert den Widerstand auf ganz eigene Weise. Das spiegelt sich in ihren Gesten wider, in ihren Gesichtsausdrücken. Die Gruppe um Marianne hat den Kampf um die Freiheit, um Gleichberechtigung und Geschwisterlichkeit gewonnen. Und das zeigen sie auch.

Zu ihren Füßen liegen deshalb – besiegt! – die Ikonen des Schreckens: Politiker, die in ihrem Streben nach Macht die Welt nicht zum Besseren verändern, sondern sie Stück für Stück auseinandernehmen. So findet sich hier Recep Tayyip Erdoğan an jenem Strick wieder, an dem er neben seinen Oppositionellen auch jeden anderen baumeln sehen will, der es wagt, sich gegen ihn zu stellen. Donald Trump und Marine Le Pen liegen andächtig vereint neben Bernd Höcke, dessen AfD-Armbinde nun keine Euphemisierung – keine Maskierung – seiner Aussagen mehr zulässt, da sie ihn als das entlarvt, was er ist: ein verkappter Neonazi. Und auch Wladimir Putin darf nicht fehlen. In seiner Brusttasche: die Flagge Tschetscheniens – ein Land, das er sich auf sehr viel subtilere Weise einverleibt hat als die Ost-Ukraine, und in dem nun Schwule, Lesben, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen um ihr Leben fürchten müssen. Jeden Tag.

Mit Die Freiheit führt (immer noch) das Volk will die TfD zeigen, dass es sehr wohl Menschen gibt, die an ein starkes, an ein vereintes Europa glauben. (Nicht umsonst findet sich auch das Farbschema von Gelb und Blau häufiger im Bildaufbau wieder). Ob mit der Fackel jener Statue, die in New Yorks Hafen allen ankommenden Flüchtlingen und Immigranten einst die Hoffnung auf ein neues Zuhause schenkte. Oder ob mit dem Megaphon, mit dem wir laut und deutlich zum Protest aufrufen. Immer und immer wieder. Bis alle es hören: Wir sind Marianne. Wir sind Europa. Und wir geben nicht auf.


Bild: Steven P. Carnarius
Text: Alexander Winter

Frau Weinhaus fragt… Volker Beck

Im Auftrag der TfD – Travestie für Deutschland:
Teil 4 der Formatreihe „Frau Weinhaus fragt…“

Heute: Volker Beck. Der Menschenrechtspolitiker, und seinerseits aktiver Grüner, hat sich nicht nur umfassend mit Gesetzen zur Antidiskriminierung, der Informationsfreiheit sowie dem Zuwanderungsrecht beschäftigt. Er kümmert sich auch um die Rechte von Oppositionellen, Frauen, Kindern, ethnischen, kulturellen und religiösen Minderheiten sowie Homosexuellen. Hier sein Statement zur AfD.


Bild: Angelika Kohlmeier

Familie ist der Sieg der Gene über Sympathie

Familie ist der Sieg der Gene über Sympathie raunt es durch meinen Kopf, eine alte Weisheit eines noch älteren Freundes, Geschichtsprofessor und Menschenhasser, keiner weiß es also besser. Ich wappne mich in der einstündigen Zugfahrt gen Heimat. Dort freut man sich auf meinen seltenen Besuch, da köchelt das Essen zum Fest der Familienzusammenführung, da wählt man mit 33% die Nazi-Partei AfD.

Es sei kein Rassismus, wird in allen Medien versichert. Nirgends ein Nazi, keine NPD-Wahlerfolge bislang… Und dann kamen die verlotterten Araber übers Meer. Soldaten zogen aus der nahen Bundeswehrkaserne, und 700 dunkelhäutige Fremde zogen ein, beinah so viele wie es Dorfbewohner gibt, allesamt keine Rassisten, Gott sei Dank.

Aus der wohlgemeinten Übergangsstation wurde ein überbelegtes Flüchtlingsheim, wie immer kopflos in der Landeshauptstadt entschieden ohne Einbeziehung der Kommune. Hier wagt sich keine der bisherigen Reinigungskräfte mehr rein, deren Berichte pendeln zwischen „Die hausen wie die Schweine!“ und „Die leben wie die Maden im Speck!“, je nachdem, welche populistische Kerbe gerade mehr Aufmerksamkeit produziert. Mitnichten ist dies rassistisch, das kann hier wirklich keiner behaupten.

Bislang gab es nur drei „Ausländer“ im Ort, die keine Schwierigkeiten machten. Schwierigkeiten machen die Neuankömmlinge auch nicht – die von der AfD geschürte Angst vor Scharia und Minaretten ist also weiterhin unbegründet, dafür aber echt. Die Dorfschule wurde eben geschlossen, Bankautomaten gibt’s nicht mehr, der Handel zieht ab, junge Familien: Fehlanzeige. Dafür 700 neue Konsumenten im Dorf und mediale Aufmerksamkeit über tatkräftige Unterstützer, doch so denkt man hier nicht. Meine anämische Heimat ist bankrott, sie erliegt nach 850 Jahren Geschichte. Unbedacht wird man künftig an diesem sterbenden Tier vorbeifahren, ohne Halt machen zu müssen. Mit letztem Zucken werden noch schnell die Aasgeier mit 33 Prozent gewählt. Meine alten Nachbarn haben ihre Gründe, Rassismus ist selbstredend keiner davon.

So erzählt man mir bei Kaffee und Kuchen nach meiner Rückkehr: Dass mein Vater mit syrischen Jungs deren Möbel zusammenbastelt und hinterher am Stammtisch vorwurfsvoll angeschwiegen wird. Dass meine bislang politisch desinteressierte Schwester gespendete Elektrogeräte aus ihrem Auto hievte, und meine dicke Tante sich laut fragte: „Suchst einen neuen Mann?“ In diesem Teil Deutschlands brüsten sich gute Menschen nicht mit guten Taten, keiner mag aufgeschlitzte Autoreifen am Morgen, schon wieder. Ich selber werde als Ehrengast in Ruhe gelassen, ich wäre „schon immer so international eingestellt“ gewesen, da lohnt sich das Gezeter eh nicht, ich sei als freiwilliger Neuköllner eben unbelehrbar.

Ich ignoriere all das, wie man das eben so macht bei Menschen, mit denen man die Gene teilt. Ich kuschle mich an Oma und sage, dass ich Opa vermisse, der immer so traurig, aber nie ohne Stolz von seiner Flucht vor Krieg und Verwüstung erzählte. Ein totenbleicher Teenager vor 70 Jahren, kein Wort Deutsch, gottverlassen und runtergehungert, unser Stammvater.

Stumm wird in der Stube der Filterkaffee umgerührt, ungerührt.


Text: Buffalo Meus
Bild: Kyle Meck

Frau Weinhaus fragt… Maurice Gajda

Im Auftrag der TfD – Travestie für Deutschland:
Teil 1 der neuen Formatreihe „Frau Weinhaus fragt…“

Heute: Maurice Gajda. Abgefangen im BKA Theater zu Berlin, gibt uns der Fernseh- und Radiomoderator seinen Kommentar zur AfD. Gajda arbeitet u.a. bei ProSieben sowie beim öffentlich-rechtlichen Radiosender Radio Fritz, Rundfunk Berlin-Brandenburg. Ihr könnt ihn bei Twitter, Instagram und YouTube finden.


Bild: Maurice Gajda