Der Mann kann passieren

Eine frühere Fassung dieses Textes wurde unter dem Titel „Wann ist ein Mann ein Mann“ am 11. April 2018 im Polit-Magazin Kater Demos gedruckt.

Morgentoilette, ins Büro rasen, hinterher im Fitness-Studio schwitzen, anschließend zum Tinder-Date, um nachts geschafft ins Bett zu fallen. Solche Alltäglichkeiten werden von Männern mit Penis fundamental anders erlebt als von Männern mit Vagina. Es kann den Anderen gleich sein, ob der kernige Anzugträger in seinem Aktenkoffer ein Pack-n-Piss-Set trägt, um im Alltag originalgetreu zu urinieren. Und es sei auch der Fantasie überlassen, ob der attraktive Buchhändler des Vertrauens doppellagige Unterhosen mit eingelegtem Penisschatten trägt, oder sich tatsächlich freut, seine Stammkundin zu sehen.


„Wenn’s nach der AfD ginge, müsste ich noch Dirndl tragen“, mahnte der Graubart auf dem TfD-Plakat. Die Polit-Aktion, die es im sommerlich-seichten Bundestagswahlkampf 2017 von Berliner Straßenlaternen bis in die New York Times schaffte, präsentierte einen gut gereiften Mann in Lederhose, der sich vom Trachtenkleid befreit fühlte – und zu Hunderten kratzte man sich die Köpfe, da half auch nicht der Untertitel: #MyGenderMyChoice. Zu fremd war der Gedanke, dass das bärtige TfD-Gesicht einst als blondzöpfige Feministin durch die Lesbenszene fegte.

Der Triumph des „Passings“

Als Mann erkannt zu werden, ist ein hart erkämpfter Erfolg für Trans*Männer wie Marian. Von der Gesellschaft endlich das Geschlecht zugewiesen zu bekommen, das man selbst gewählt hat und erst seit Kurzem mit sich trägt, nennt man den Triumph des „Passings“, den viele Trans*Personen anstreben. Für diesen Moment, in dem man die fremd empfundene Haut nach Jahrzehnten endlich abgestreift bekommt, und seinen Körper zeigen kann, ohne Erklärungen abgeben zu müssen, wie Fußnoten zur eigenen Erscheinung – dieser Moment entzündet einen inneren Pride March.

Auch wenn zehntausende Trans*Männer in Deutschland von einem Freudenfest wie diesem teils tagelang zehren, sind es die stillen Momente, die diesen Weg prägen. Das jahrelange Fremdeln mit sich selbst, dass hier etwas nicht stimmen kann. Die Sorge im Gesicht der Mutter, ob die Tochter je glücklich sein kann. Die Angst des Vaters, das Kind würde nie im Arbeitsleben ankommen und eine Familie gründen. Die Kälte im Blick alter Freundinnen, die den Weg nicht mit einem gehen wollen. Das eigene Lächeln, das sich antrainiert wurde, um Stärke auszustrahlen – in der Hoffnung, diese Stärke möge irgendwann nach innen wirken und die Kraft geben, den letzten Schritt zu gehen: Sich fremd zu machen vom eigenen Körper, sich loszusagen, aufzubrechen ohne Aussicht auf Rückkehr, kein Tourist mehr zu sein, sondern Emigrant. Die eigene Welt aus den Angeln zu heben, und all das wieder und wieder, Jahr um Jahr, erst nur im Kopf durchzuspielen, bevor der erste Schritt getan wird.

Marian

Eine schöne, große Frau mit blonder Mähne und Hang zur Bühne, vom Publikum angeschmachtet und immer eine Liebe an der Hand. Ein lesbischer Traum, der insgeheim keiner war. „Ich kannte in den Neunzigern genau ein Trans*Paar, und das lebte zurückgezogen und ohne Freunde in meiner Nachbarschaft“, erinnert sich Marian. Die Perspektive war für ihn so abschreckend, dass ein Leben als Mann weiterhin eine Fantasie blieb, und Marians Angst vor Benachteiligung war berechtigt. Noch vor zwanzig Jahren schätzte der Bundestag über 60 Prozent der statistisch erfassten Trans*Personen als Leistungsempfänger ein – eine Situation, die die Abgeordneten auf die marginalisierte Form der Sexualität zurückführten, die im gesellschaftlichen Diskurs so fremd war wie den meinungsbildenden Medienhäusern.

Kingz of Berlin: Nicht Travestie, sondern Traum

Nein, Marian entschied sich gegen eine „Pflichttherapie“, er hatte auch keine Lust, sich jahrelang von Folgeschäden kurieren zu lassen. All der Kostenaufwand, die Jahre, die Opfer, und immer die Ungewissheit, ob die Krankenversicherung für den Aufwand und die langen Ausfallzeiten aufkommen würde – all das war zu riskant, um das schöne Leben inmitten der florierenden Lesbenszene Berlins aufzugeben, den beruflichen Aufstieg und den gefühlten Wohlstand. „Ich war nie ein Pionier, ich sah mich nicht für etwas kämpfen. Diesen Mut brachten andere auf.“

Es war das Millennium, das die Zeitenwende brachte. Über Nacht überstrahlte der rasend schöne Johnny Berlin die Szene der Hauptstadt, im Kino rührte die Trans*Tragödie „Boys Don’t Cry“ zu Tränen, und ein Haufen wild gewordener Herren-Imitatorinnen fielen über Deutschland her: Die Kingz of Berlin schlugen ein wie ein Gender-Blitz. Doch während die Medien fasziniert berichteten und reihenweise Frauen in Ohnmacht kippten, fand Marian an dem dechiffrierten Macho-Gehabe und der Boyband-Persiflage nichts witzig. „Es war, als stünde alles Kopf. Das war nicht nur Travestie, nicht nur angeklebte Bärte und abgebundene Brüste. Es waren die harten Blicke, die klaren Ansagen, die kraftvollen Stimmen, der Chauvinismus – all das, wovon wir Männer seit zwei Generationen entwöhnen wollten. Die Bühnenshow der Kingz war das Leben, das ich wollte. Ohne Boxen-Sound und Spotlight für eine Nacht, sondern jeden Tag.“

Vorurteile gegen die Verherrlichung des Patriarchats und Ausgrenzung abtrünniger Lesben machten es noch immer schwer, den Schritt in die Transition zu wagen, sich überhaupt ein reibungsloses Leben vorzustellen: Wer würde ihn dann noch lieben? Dies war eine wiederkehrende Frage, heraufbeschworen von der Angst, sich vor Anderen lächerlich zu machen, angezweifelt und herabgesetzt zu werden. Er brauchte seine Zeit, zwei Schritte vor und einen zurück, bis er die Tatsache akzeptierte, dass das eigene Glück erst nach chirurgischen und hormonellen Behandlungen warten würde. Marian würde nach dem sozialen Geschlecht auch das biologische Geschlecht wechseln und endlich aussehen, wie er sich ein Leben lang fühlte.


Portrait-Aufnahmen von Marian: Piotr Pietrus

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