Johannes Kram: Woanders gibt es diesen Humor nicht

Johannes Kram, 51, eroberte von Trier aus als Manager von Guildo Horn erst Köln, dann die Republik und schließlich den Eurovision Song Contest 1998. Er schreibt erfolgreiche Bühnenstücke, initiierte den medienkritischen Waldschlösschen-Appell gegen Homophobie und wurde für seinen NOLLENDORFBLOG für den Online-Grimmepreis aufgestellt. Sein erstes Buch ICH HAB JA NICHTS GEGEN SCHWULE, ABER… stieß 2018 eine breite Diskussion an – zum Ärger deutscher Komiker.

 

Wir leben doch in einem vermeintlich offenen, freien Land, in dem von Homophobie keine Rede mehr sein kann – weshalb dieses Buch jetzt?

Stimmt, wenn man Homophobie diskutiert, dann kommt meist als Antwort: Damit hab ich nichts zu tun, ich bin tolerant, und außerdem habe ich homosexuelle Freunde. Wenn man dann aber nachfragt, ob küssenden Pärchen auf der Straße ok sind, folgt ganz schnell: Naja, muss sowas vor Kindern sein? Niemand hat was gegen Homosexuelle, aber… und dieses Aber ist dann meist problematisch. Warum ist das so, woher kommen diese Reaktionen, was können wir dagegen tun? Deshalb gibt es mein Buch jetzt.

ICH HAB JA NICHTS GEGEN SCHWULE, ABER… heißt der Band – fehlt da nicht eine Gruppe von Homosexuellen?

Es geht um Homosexualität, also natürlich auch um Lesben. Homosexuelle und Schwule werden jedoch häufig synonym genannt, so wird etwa der Christopher-Street-Day als „Schwulenparade“ bezeichnet. Dann wurde jahrelang über die „Schwulenehe“ debattiert, obwohl es natürlich die Homo-Ehe hieß. Oft werden Lesben einfach vergessen, und das wollte ich im Titel aufgreifen – auch dagegen haben wir uns gemeinsam zu wehren.

Interessant an deinem Buch ist, dass die Rechten und Reaktionären thematisch ausgespart werden, und du stattdessen die Stimmung in der bürgerlich-liberalen Mitte analysierst.

Ich will nicht verharmlosen, dass die Gefahr und die Aggression von Rechts kommen, aber man muss nicht nur dort Homophobie bekämpfen, wo sie groß drauf steht, etwa auf der AfD oder der katholischen Kirche. Mir geht es um die Menschen, die nicht merken, dass sie homophob argumentieren. Eben weil es zu ihrem Selbstbild gehört, nicht homophob zu sein. Aber wenn nur jeder Dritte unter Homosexuellen bereit ist, am Arbeitsplatz über seine schwule oder lesbische Identität zu reden, dann gibt es ein homophobes Problem in Deutschland, das eine wirkliche Gleichstellung verhindert. Und zu dessen Lösung hat die heterosexuelle Mehrheit beizutragen.

Das Buch verschweigt nicht, dass sich die Situation für Homosexuelle gebessert hat. Es gibt aber auch Stimmen – du zitierst SPD-Schwergewicht Sigmar Gabriel – die fordern, dass es nun langsam auch mal gut sein müsse.

Mitte-Links findet die Gleichstellung natürlich ganz toll, fragt sich aber auch immer wieder laut: „Haben wir eigentlich keine wichtigeren Probleme? Was nützt die #EhefürAlle dem Industriearbeiter?“ Ich frage dann gern zurück: „Schadet es dem Industriearbeiter? Gibt es keine Homosexuellen in den Fabriken?“ Es wird so getan, als wenn die gleichgeschlechtliche Ehe ein Lifestyle-Thema sei, das nur eine Elite anginge. Dabei sind vor allem prekär Beschäftigte eh schon benachteiligt, und dann gönnt man ihnen nicht mal das private Glück?

Soll das Buch also eine Aufforderung zum Dialog sein?

Ja, und ich beginne mit der Feststellung: Ich bin homophob. Ich bin in einer Gesellschaft groß geworden, in der man nicht nicht-homophob sein kann! Wir sind alle aufgewachsen mit Schulbüchern, Werbefernsehen und Kinderliteratur, die eine Mann-Frau-Welt voraussetzten. Auch viele Homosexuelle fühlen sich noch unwohl, wenn sich Männer im Fernsehen küssen, oder Lesben offen Händchen halten. Auch ich konnte mir nicht vorstellen, weshalb Homosexuelle heiraten wollten, und musste mich an den Gedanken gewöhnen wie Andere auch. Die Zeiten ändern sich, und es müssen die Probleme benannt werden, die zu lang unter den Teppich gekehrt wurden.

Dabei werden vor allem deutsche Komiker und Kabarettisten wie Jürgen von der Lippe angesprochen, denen das Buch vorwirft, homophob zu sein.

Nein, ich behaupte: Der Humor ist homophob. Wir reden ja nicht von einem Anzug, den man sich überstreift, oder eine Krankheit, die man mit Pillen behandeln kann – das gilt für Homophobie wie auch für Sexismus oder Rassismus. Wenn also jemand homophobe Gags macht, dann muss man darüber auch reden können. Und wenn Dieter Nuhr mir im Spiegel vehement widerspricht und jede Homophobie von sich weist, da er schließlich für die Gleichstellung eintrat, ist das beispielhaft für viele Menschen, die das Problem nicht erkennen.

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Nuhr nennt den Vorwurf der Homophobie „abstrus“. (Bild: SpiegelOnline)

Natürlich darf man weiterhin homophobe Witze machen, aber man muss auch die Kritik daran gelten lassen. Denn wenn ich es nicht schaffe, Dieter Nuhr zu widersprechen, wie soll es dann ein Achtjähriger packen, wenn er auf dem Schulhof „schwule Sau“ hört oder vor ihm herumgeschwuchtelt wird? Wie sollen junge Menschen das schaffen, wenn wir Älteren das Problem nicht definieren können? Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass man meist auf offene Ohren stößt, wenn man die Menschen nicht vor versammelter Runde bloß stellt, sondern das Empfinden ruhig erklärt.

Macht das Buch also Vorschläge, wie man mit homophoben Menschen umgeht?

Ich frage mich ja selbst, warum ich damals über die Tunten in DER SCHUH DES MANITU gelacht habe. In anderen Ländern gibt es diesen Humor ja nicht, da ist Homosexualität nicht die Pointe eines Witzes. Und mein Buch richtet sich auch an junge Homos, denen heute gesagt wird: Es gibt doch homosexuelle TV-Helden, ihr habt das Internet und dürft heiraten! Nein, auch Junge haben das Recht zu sagen, dass Homophobie sie stört. Und deren heterosexuelle Freunde will ich auch bestärken, den Mund aufzumachen, wenn Homos verarscht werden. Beim ersten Mal wird vielleicht noch darüber gelacht, aber beim nächsten Mal findet man das sicher mutig, dass hier Stellung bezogen wurde.

Denn solche Vorbilder gab es nicht, als es um die Gleichstellung ging?

Zumindest unter Heterosexuellen gab es nicht Viele, die dafür gekämpft haben – die meisten waren bestensfalls „nicht dagegen“. In den USA war es das komplette Gegenteil, wo etwa Brad Pitt und Angelina Jolie schon 2006 sagten, dass sie erst heiraten würden, wenn für Alle die Zivilehe geöffnet wird. Und das ist auch wichtig, dass es kein Randgruppenthema bleibt: Es sind schließlich vor allem Heterosexuelle, die homosexuelle Kinder haben. Weshalb sich also nicht mit dem Thema beschäftigen, weshalb immer noch diese Familiendramen? Für Familien gibt es so viel zu tun, ebenso wie für Chefs, die ihre homosexuellen Angestellten vor Witzeleien und Mobbing schützen müssen. Es liegt auch an Heterosexuellen, dass es in Deutschland für alle beser wird.

Für uns bist du heute schon ein queerer Hero. Danke, Johannes!

 

 

Bild: Daniel Ziegert

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