DJ Tchuani: Ich bin afrodeutsch, also deutsch!

Dominik Djialeu, 31, wuchs in Niedersachsen auf, bevor es ihn vor neun Jahren in den Wedding verschlug. Seine Party BERRIES zählt zu den Favoriten der Queer Community und veränderte seit 2014 das Gesicht der Berliner Hip-Hop-Szene, indem gezielt auf Macho-Attitüde und Homo-Bashing verzichtet wird.

Obwohl Afrodeutsche nur 0,5% der Bevölkerung ausmachen, sind sie öfter als andere PoC (People of Color) alltäglichen Aggressionen ausgesetzt. Wann wurde dir bewusst, dass du aufgrund deiner Hautfarbe anders behandelt wirst?

Ohne es benennen zu können, ist mir schon sehr früh aufgefallen, dass ich von Fremden eine besondere Aufmerksamkeit bekam als andere Kinder. So richtig greifen konnte ich den Grund wahrscheinlich erst im Grundschulalter, als ich für meine Hautfarbe oder meine großen Lippen gehänselt wurde. Damals, als es auf dem Schulhof neben mir nur eine weitere schwarze Person gab, habe ich mir gewünscht, einfach nur so wie die anderen zu sein: weiß. Es gab zwar auch rassistische Arschloch-Lehrer, aber schlimmer fand ich die, die mich bevorzugt haben, nach dem Motto: Er hat es ja eh schon so schwer. Mitleid wollte ich schon damals nicht. Ich habe sehr früh meine Koffer gepackt und bin erst nach Hamburg und dann nach Berlin geflüchtet, wo ich gewissen Dingen nicht mehr ausgesetzt bin.

Wie hast du deinen Umzug nach Berlin erlebt, wo du plötzlich einer von zehntausenden Schwarzen warst?

In Berlin konnte ich mir mein eigenes Umfeld basteln – mit Freunden, die über ihren Tellerrand hinwegblicken, und mit einem Arbeitsumfeld, in dem ich mich wohlfühle. Natürlich geht das in der Großstadt viel einfacher als in der Provinz, hier kann ich Idioten, Rassisten und Nazis viel besser meiden. Außerdem bin ich nicht mehr the only black Gay in the Village: Die berühmte Bubble also, in der ich jetzt lebe. Ich habe mich allerdings nie dafür interessiert, nur noch mit Schwarzen rumzuhängen. Es ist wichtig und stärkend für mich, im Austausch mit andern PoC zu sein, aber meine Vorstellung von einer idealen Gemeinschaft ist eine, in der Herkunft, Klasse, Sexualität und Geschlecht keine Rolle spielen. Dies ist einer der Gründe, warum ich vor drei Jahren angefangen habe, Parties zu veranstalten, in denen ich genau dieses Anliegen aufgreife. BERRIES ist wahrscheinlich mein stärkster politischer Beitrag zu dieser Stadt.

Welche rassistischen Strukturen siehst du möglicherweise klarer, die weißen Deutschen gar nicht bewusst sind?

Ich habe einen starken Radar für Rassismus und Ungerechtigkeiten und schlage da schneller Alarm. Es gibt aber auch genug Alltagsrassismus, den ich gar nicht richtig wahrnehme, wahrscheinlich aus gesundem Selbstschutz. Bei Flughafenkontrollen aus der Masse gezogen zu werden oder von Polizisten auf der Straße einen doppelten Blick zu bekommen, ist fast schon zum Running Gag für mich geworden. Sauer macht mich aber Ignoranz. Zum Beispiel hinderte neulich in der U-Bahn ein Mann eine schwarze Frau daran, sich neben ihn zu setzen. Niemand reagierte darauf, alle starrten in ihre iPhones. Als ich ihn ruhig und interessiert nach seinem Problem fragte, er aber keine Argumente hatte und sich darauf fluchend umsetzte, haben mir die Umsitzenden plötzlich gut zugesprochen. Der Frau war die Situation unglaublich unangenehm und ich hab mir nur gedacht: Auf den Support von euch Ignoranten und feigen Fickern kann ich im Nachhinein auch bestens verzichten. Zivilcourage in Berlin ist absolut ausbaufähig.

Auf die Frage, wo ich herkomme, die ich bewusst einfach nur mit „Göttingen“ beantworte, folgt in den allermeisten Fällen die Frage nach meiner „tatsächlichen“ Herkunft. Selbst wenn das von Leuten kommt, die sich selbst für weltoffen halten, sagt mir das jedes Mal: Eigentlich gehörst du nicht hier her, eigentlich ist das nicht dein Land. Ich bin hier aber verdammt nochmal geboren, schwarze Kinder werden auch in Deutschland gezeugt. Auch wenn ich mit der kamerunischen Kultur meines Vaters sympathisiere und diesen Teil in mir sehr wertschätze, bin ich am Ende afrodeutsch. Also deutsch.

Mit steigender Sichtbarkeit äußert sich Rassismus immer unverblümter, auch in der LGBTIQ*-Blase: Welche Art von Ausgrenzung bzw. Begünstigung begegnet dir in der Queer Community?

Grindr und GayRomeo sind voll von Statements wie „Schwarze und Südländer bevorzugt“ – bei solchen und ähnlichen Äußerungen wächst mein riesengroßer Schwanz direkt nach innen. Meine Hautfarbe sollte mich nicht für Sex qualifizieren, was leider auch ein Phänomen in der linken Szene ist: Da gibt es dann die weißen Deutschen, die nur Ausländer daten, um ihrem vermeintlich langweiligen Deutschsein besser zu entkommen. Am Ende ist dies auch einfach nur verdammt rassistisch.

Als wir im SchwuZ vor der TASTY-Party, die ich mitveranstalte, verkündet haben, dass sich unser Event auch an Geflüchtete richtet, hat das bei einigen für blankes Entsetzen gesorgt: Wie könnten wir nur Leute einladen, die kriminell, homophob und frauenfeindlich seien?! Die Menschen, die so denken, können genauso gern zuhause bleiben wie diejenigen, die nur zur TASTY kommen, weil dort so viele „geile Araber“ rumlaufen.

AfD-Sternchen Achille Demagbo, seit 14 Jahren im Land, hält Deutsche nicht für fremdenfeindlich. Du kennst das Landleben, du kennst Berlin: Wie rassistisch ist Deutschland 2017?

Demagbo scheint ein verblendeter Clown zu sein, genauso wie der Rest seiner Possie, nur bei ihm erschüttert es mich umso mehr. Verkappte Nazis gibt es eben überall, da sind Hautfarbe und Region egal. Die gefährlichsten sind halt die, die nicht direkt als solche erkennbar sind.

Auf dem Land findet man Fremdenfeindlichkeit geballter und offener als in der Stadt, was möglicherweise mit Frust oder Angst vor dem Unbekannten zu tun hat. In der Großstadt kann man sich viel leichter abschotten und eine eigene kleine schöne Welt bauen, was jedoch auch gefährlich ist, weil das nichts an der Tatsache ändert, dass Rassismus auch in Berlin zum Alltag eines jeden gehört, der nicht „deutsch“ aussieht.

DJ Tchuani, wir lieben dich.

Tchuani (C) Alexia Hahn 7.jpg

Bilder: Alexia Hahn

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