Lasst uns Menschen sein

Ich bin als Mensch aufgewachsen.

„Mensch“ nenne ich es, da meine Eltern bei der Erziehung eines Sohnes statt einer Tochter sehr wahrscheinlich keine andere Methode angewandt hätten. Geschlechter-Dos und –Don’ts standen nämlich nicht auf dem Programm: Mein Zimmer war blau wie der Himmel an einem Sommertag, mein erster Strampler war gelb und erst im Kindergarten kam auf meinen ausdrücklichen Wunsch die pinken Rüschenkleidchen. Ich hatte Kuscheltiere und Bäume gern, und später wurde ich bei Gartenarbeiten genauso herangezogen wie zum Kekse backen, zum Klo putzen wie zum Winterreifen wechseln. Ich habe mit strohblonden Nachbarskindern gespielt und Freunde aus Äthiopien mit nach Hause gebracht.

So hatte ich lange den Eindruck, dass Gender und Herkunft keine Rolle spielten – weil es in meiner Welt keine Rolle spielte. Doch meine Welt war klein.
Denn ich bin cis und hetero, weiß, gehöre zur Mittelschicht und habe weder eine Behinderung, noch gehöre ich einer Religion an. Lange gab es nicht viele Angriffspunkte, um mein behütetes Weltbild zu zerkratzen: Ich war nie politisch aktiv, weil ich nie das Gefühl hatte, es sein zu müssen. In meiner Vorstellung, nach der ich zu handeln versuche, sind alle Mensch – und alle haben das Recht, nach ihrer Fasson Mensch zu sein.

Doch dieses Recht bröckelt. Jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick.

Dieses Recht bröckelt mit jedem Angriff auf Aleppo. Mit jedem Boot, das im Mittelmeer kentert. Mit jedem Kind, das unter freiem Himmel schläft, unter freiem Himmel hungert, unter freiem Himmel friert. Mit jedem Einreiseverbot. Mit der hilflosen Bürokratie, die Menschen nur verwahrt, anstatt sie aufzunehmen. Mit den Parteien, welche die Ängstlichen, die Wütenden, die Verwirrten für ihre Zwecke einspannt. Mit jedem Gesetz, das statt Gerechtigkeit und Gleichheit nur Fremdbestimmung und Leid nach sich zieht. Mit jedem Wort, das einer, der anders denkt, anders glaubt, anders lebt, anders liebt zu seiner Verteidigung anbringen muss. Mit jedem Rückschritt, jedem Rückzug, jedem Mauerbau, den wir machen, statt einander mit offenen Armen zu begegnen. Dieses Recht bröckelt mit einem Clown namens Trump, der längst alle Witznummern abgezogen zu haben scheint und die Manege trotzdem nicht verlassen wird. .

Das Recht bröckelt mit meiner Ratlosigkeit, was dagegen zu tun ist.

Tatsächlich bin ich mir nur bei einer Sache sicher: Schweigen, während Unrecht geschieht, ist falsch.

Werden Demonstrationen die Welt verändern? Konnten hunderttausende marschierende Frauen verhindern, dass ein Mann sich in ihre Körper, in ihre Leben einmischt? Können ehrenamtliche Bemühungen das Leben zwischen Laken und Hochbetten menschlich machen? Wird ein Tanz auf dem CSD dafür sorgen, dass Liebe Liebe sein darf? Wird dieser kleine Beitrag einen Funken Menschsein zünden können?

Sicher nicht. Sicher nicht gleich, sicher nicht sofort. Doch wer marschiert, wer hilft, wer tanzt, wer schreibt, wer spricht, wer empfängt, wer offenen Geistes ist, seinen Weg für andere öffnet und Hass nicht mit Hass beantwortet, der setzt ein Zeichen: Ich bin hier. Wir, die Menschen, sind hier.

Alles ist ein Anfang. Alles.


Text: Sabine Wirsching
Bild: Carson Arias

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